„Auf den Süd- und Südwesthängen des Toten Mannes wurden nach geschickter Artillerievorbereitung unsere Linien vorgeschoben, 31 Offiziere, 1315 Mann wurden als Gefangene eingebracht, 16 M.G. und 8 Geschütze sind außer anderem Material erbeutet. Ein feindlicher Gegenstoß blieb ergebnislos.“
Wer in der Heimat mag beim Lesen dieses nüchternen Heeresberichts vom 21. Mai 1916 etwas anderes empfunden haben als vielleicht Freude über den neuen deutschen Erfolg, an etwas anderes gedacht haben als an die Verluste, die dieser Angriff gekostet haben mag und auf etwas anderes gehofft haben als auf ein weiteres Fortschreiten auf diesem Wege zum siegreichen Ende! Wem mag vor die Seele getreten sein das volle, mannigfaltige Bild aller der Kräfte und Leidenschaften, die zu diesem Siege zusammenwirkten: restlose Hingabe jedes Einzelnen, todesmutiger Heldensinn der Stürmenden, ruhiges Ertragen aller Entbehrungen und Anstrengungen, Überwinden von Schrecken und Trauer, treue Pflichterfüllung bis ins Kleinste und heilige Vaterlandsliebe bis in den Tod, seine Vorbereitungsarbeit Tage und Nächte hindurch, gewissenhafte Ausarbeitung aller Maßnahmen vom entscheidenden taktischen Entschluß hinab zur Ausstattung mit Drahtschere und Seltersflasche – Treue und Vertrauen vom Führer zum Mann und vom Mann zum Führer.
Seit Mitte April lag unsere Division in den erst jüngst gewonnenen Stellungen am Toten Mann, wenn man der dürftigen Grabenanlage überhaupt den Namen „Stellung“ zuerkennen will. Ein einfacher Graben, nur manchmal mit einer Sappe, ganz selten mit vorgeschobenen Grabenstückchen versehen, schlängelte sich am Nordrand des Höhenzuges „Toter Mann“ entlang nahe den französischen Stellungen, die den Südrand säumten. Das Drahthindernis vor der Front war durch gelegentliche spanische Reiter angedeutet; Deckung gegen das oft mörderische feindliche Artilleriefeuer boten kleine Erdhöhlen in der vorderen Grabenwand. Ganz seltene Stollenanlagen konnten nur wenigen Schutz gewähren.
Das Schlimmste aber waren die Anmarschwege! Im Norden begrenzte der Forgesbach und die ihn streckenweise begleitenden sumpfigen Wiesen den Toten Mann. Die wenigen Übergangsmögichkeiten kennt der Franzose und belegt sie planmäßig mit schweren Feuerüberfällen. Da heißt es dann im Marsch-Marsch in der schweren Graben-Ausrüstung oder mit Drahtrollen und spanischen Reitern, mit Munition oder sonstigem Material oder mit den Verwundeten auf der Trage oder in der Zeltbahn, rasch Deckung suchend, in den nächsten Granattrichter springen oder den glitscherig-sumpfigen Fußpfad hinab und hinauf, und über den schwankenden Steg hinweg mitunter noch unter dem lästigen Schutz der aufgesetzten Gasmaske. Hut ab vor den Meldern, die oft mehrere Male bei Tag und bei Nacht diesen Höllensumpf des Forgesbaches in todesmutiger Unerschrockenheit überwanden, vor den Fernsprechmannschaften, die in eiserner Pflichttreue wieder und wieder den zerschossenen Telephondraht flickten und vor den Krankenträgern und Hilfs-Krankenträgern (Regimentsmusikern), die allnächtlich den schweren Gang nach vorn antraten, um ihren verwundeten Kameraden zu helfen und sie zu den Hauptverbandplätzen zurückzutragen.
Wohl einen Jeden packte hier einmal das Verlangen aus dieser Windecke herauszukommen. Da tauchten Anfang Mai zum erstenmal Gerüchte auf, daß durch einen großangelegten Angriff der Tote Mann ganz in unsere Hand gebracht und damit unsere Stellung ganz wesentlich verbessert werden sollte. Mit Freuden wurden sie geglaubt und verbreitet. Auch die letzten Zweifel schwanden, als die zum Sturm bestimmten Bataillone zurückgezogen und für den Angriff besonders vorbereitet wurden. Da lernten wir über Draht-Hindernisse, die unseren kleineren Unternehmungen nur zu oft vor den französischen Stellungen einen Halt geboten hatten, hinweggehen, bis Drahthindernisse keine Hindernisse mehr für uns waren. Da wurden Handgranaten geworfen, Flammenwerfer eingeübt und vorgeführt, der Angriff selbst mit Führern und Unterführern bis ins Kleinste besprochen und festgelegt. Die Artillerie schoß sich ein und versah sich mit Munition aller Art, die in Stellung befindlichen Bataillone schanzten und schanzten und schufen Bereitstellungsgräben, Deckungen, Annäherungswege; selbst eine Teeküche wurde auf dem Nordhang des Toten Mannes eingebaut, um später den Stürmenden rechtzeitig Erfrischung nachschicken zu können
Der letzte Tag der Ruhe kommt, der letzte Tag vor dem Einrücken in die Stellung, vor dem Sturm, für manchen der letzte Tag seines jungen Lebens. Das III. Bataillon des Reserve-Infanterie-Regiments 201 hat es sich nicht nehmen lassen, in feierlichem Gottesdienst und in gemeinsamem Gebet die Waffen weihen zu lassen. Der ernsten Feier folgt ein fröhlicher Ausmarsch: Die Regiments-Musik begleitet die einzelnen Kompagnien auf ihrem Wege in die Stellung und trägt zu der zuversichtlichen Siegesstimmung bei. Endlich ist alles vorn,
glücklicherweise sind keine Verluste eingetreten. Es beginnt das Artillerie-Konzert.
Stundenlang schleudern unsere Kanonen ihre verderbenbringenden Geschosse auf die feindlichen Stellungen. Man kann nichts sehen, alles liegt in Rauch und Staub gehüllt. Eine kurze Atempause, und erneut bricht der Orkan los. In immer schnellerer Reihenfolge folgt Schuß auf Schuß, immer dichter rückt die an den rückwärtigen feindlichen Stellungen begonnene Feuerwalze zu uns heran, um den feindlichen Verteidigern, nachdem ihnen die rückwärtigen Unterschlüpfe zerschlagen sind, vorn den Garaus zu machen, dann schlagartig zurückzuspringen und den Stürmenden freie Bahn zu lassen. Inzwischen ist bei uns alles nach vorn aufgeschlossen, die Stäbe sind vorgeeilt, alles steht bereit; da! 3 Uhr nachmittags schlägt die
erlösende Stunde. Die ersten Wellen springen auf und stürzen sich auf die feindlichen Stellungen, die anderen Wellen folgen dicht auf.
Nicht überall geht es glatt vorwärts. Auf der eigentlichen Kuppe des Toten Mannes ist der vorderste feindliche Graben von unserem Artillerie-Feuer nicht gefaßt worden. Der Franzose hat sich dorthin geflüchtet und empfängt dichtgedrängt unsere Stürmer mit verheerendem Feuer. Gleichzeitig explodiert hier ein Flammenwerfer durch eine feindliche Handgranate; mit schweren Brandwunden bricht der Träger zusammen, Qualm und Rauch schlagen zu uns zurück. Es stockt. Rasch heißt es hier den feindlichen Widerstand brechen, daß er nicht erst neue Kraft und neuen Mut findet. Ein Kompagnieführer erbittet die Erlaubnis, seine Kompagnie in die Sturmausgangstellung zurücknehmen und von dort neu ansetzen zu dürfen. Er will gewissermaßen neuen Anlauf nehmen. Aber Eile tut not. Es wird ihm abgeschlagen. Denn schon ist ein Reserveflammenwerfer vorgeholt und angesetzt, seine Wirkung soll ausgenutzt werden. Es braucht nicht erst befohlen zu werden: Kaum sehen unsere Leute den Feuerstrahl hinüberdringen, als sie sich von selbst mit neuem Hurra auf den Franzosen stürzen. Er erschrickt, hebt die Hände und ergibt sich. Hunderte strömen entwaffnet zu uns herüber, der gefährliche Widerstand ist siegreich gebrochen. Nun gibt es kein Halten mehr. Rastlos geht es weiter, weiter bis zur befohlenen Linie am Süd-Abhang. Wenige Teile, die darüber hinausprellen, können rechtzeitig angehalten werden, daß sie nicht in unser eigenes Gas hineinlaufen, mit dem wir die französischen rückwärtigen Stellungen bedacht haben. Das Ziel ist erreicht, schwere Arbeit ist geleistet. Aber noch heißt es nicht ruhen. Das Gewonnene muß gehalten werden. Schnell ordnen die Führer die durcheinander gekommenen Abteilungen; neue Verbände werden geschaffen. Dann heißt es: „Spaten heraus“, „Eingraben“. Es gilt das Leben. Denn bald werden die ersten feindlichen Granaten uns die Unzufriedenheit der Franzosen mit unserem Vorgehen zum Ausdruck bringen wollen. Dann werden sie vielleicht bald selbst kommen, um uns den Toten Mann wieder zu entreißen. Aber sie sollen uns gerüstet finden. Die bald einbrechende Dunkelheit ist uns günstig, die Angriffszeit war also gut gewählt . Der Franzose weiß noch nicht, wo wir sind, und wenn er uns morgen früh, wenn es wieder hell wird, sucht, dann sind wir längst tief in der Erde. Mit bewundernswerter Schnelligkeit werden die Granattrichter ausgebaut, vertieft und miteinander verbunden und schon vor Mitternacht ist ein mannstiefer Graben fertig. So ist wenigstens etwas Deckung vorhanden, als der Franzose am nächsten Morgen seine Geschosse auf den Südabhang des Toten Mannes niederprasseln läßt und durch seine Flieger uns aufstöbern will. Noch immer kann er es sich nicht denken, daß wir nicht einfach in seine alten Gräben gezogen sind. So belohnt sich unsere Mehrarbeit, auf der die Führer bestanden, als eine neue Stellung weiter vorwärts ausgehoben werden mußte. Denn das Hauptfeuer der feindlichen Artillerie vereinigt sich immer wieder auf der alten französischen Stellung und wir bekommen nur die Spritzer ab, freilich leider noch immer zu viele. Auch die infanteristischen Angriffe des Feindes sind erfolglos und matt, viel Reserven scheint er nicht mehr zu haben, auch scheinen sie unsere nähere Bekanntschaft seit gestern zu scheuen und das Zeichen, daß wir noch da sind, bringt sie frühzeitig zur Umkehr. So kann, was am 21. Mai genommen ward, am 22. abends der ablösenden Truppe als fester Besitz übergeben werden und als Sieger verlassen die Stürmer vom Toten Mann am 23. früh das Schlachtfeld.
„Auf den Süd- und Südwesthängen des Toten Mannes wurden nach geschickter Artillerie-Vorbereitung unsere Linien vorgeschoben.“ Noch einmal soll der Heeresbericht an unser Ohr klingen. Aus der altpreußischen Einfachheit, die nur die Tatsache des Erfolges bucht, tönt aber jetzt auch all das Heldentum, aller Fleiß und alle Arbeit, Mut und Tapferkeit, Treue und Vaterlandsliebe heraus, die unsere tapferen Truppen – Führer und Mann - in dem ungeheuren Ringen des Weltkrieges zu ihren unvergleichlichen Erfolgen befähigt haben.
Archiv für März 2008
Die 43. Reserve-Division am „Toten Mann“
März 15, 2008Erlebnisbericht eines Frontsoldaten vor Verdun
März 15, 2008Am 21. Februar 1916, vormittags um 8:12 Uhr, wurde das deutsche Schicksal vor Verdun mit dem ersten Artillerieschuß donnernd eingeläutet, neun Stunden lang mit dem ungeheuer tobenden Gehämmer riesiger Glocken und Klöppel aus Schuß und Sprengung. Um 5 Uhr des Nachmittags desselben Tages brach die vordere Sturmwelle der Infanterie gegen die französische Stellung vor. Ende August 1916 stellte die neue deutsche Heeresleitung unter Hindenburg und Ludendorff den Angriff auf die Festung ein. Ende Dezember 1916 beschlossen die Franzosen die Schlacht um Verdun damit, daß sie die Mitte der vorgeschobenen deutschen Stellung in die Linie Louvemont-Bezonvaux zurückdrängten. Das Schicksal hatte sich nach der Marneschlacht zum zweiten Mal erfüllt, wie es sich im Juli 1918 am Walde von Villers-Cotterets zum dritten Mal erfüllte. Jedesmal war es Frankreich und jedesmal war es die Marne und die Landschaft um Verdun.
Hüben und drüben errichtete das Schicksal seine symbolhaft glühenden Zeichen, ohne die es nie vorüberzugehen pflegt. Diese düsteren Male weltgeschichtlicher Magie verkörpern sich für beide Nationen in den Panzerforts von Douaumont und Vaux. Voll tiefer Bedeutung für Frankreich war die „Kette des Todes“, die Zerschrottung und Ablösung der Divisionen, jenes unablässig rollende Schöpfrad, das alle französischen Fronttruppen nacheinander erbarmungslos durch die Schädelstätten von Verdun schleifte und sie das höchste und über das Menschliche erhabenste Gebot der Nation kennen und befolgen lehrte: den Opfertod für die Nation. Alle diese Divisionen kamen frisch, rasch und zahlreich die einzige Anmarschstraße Verduns entlang, die Straße Bar le Duc-Souilly-Verdun, und sie schlichen denselben Weg zurück, dezimiert, zerbrochen, fahl, mit versunkenen Augen, die das Grauen der Unterwelt geschaut hatten, mit bebenden Lippen, mit schlaffen Wangen ohne Blut, schaudernd
bis ins Mark der zermorschten Knochen. Keine konnte einen andern Weg gehen oder kommen als diesen, und das immer wache nationale Geschichtsgefühl Frankreichs nannte diese Straße seitdem den „Heiligen Weg“, Auch der deutsche Frontsoldat wird diesem Namen nicht seine schweigende Zustimmung versagen; er hat die Divisionen kennen gelernt, die diesen Weg gezogen sind.
Von Ornes bis zum Douaumont betrug die Luftentfernung vier Kilometer, Wer diesen Weg zu gehen hatte, brauchte drei Stunden dazu. Er lief, er sprang, er fiel in wassergefüllte Trichter, er wartete lang liegend in schlammigen Grabenresten, er berechnete die wahrscheinliche Dauer des Feuerüberfalls in der Mulde vor ihm, er raste, stolperte, kroch auf allen Vieren, er ging verzweifelt langsam Schritt vor Schritt, weil er im Morast nicht anders vorwärts kam, erhaben gleichgültig gegen die Beschießung, die jeden Augenblick einsetzen konnte. Die Geschosse aller Kaliber wanderten und flitzten über seinen Kopf weg; sie rauschten hoch unter den rieselnden Wolken, weit ins Hintergelände, sie fuhren mit heiserem Zischen hart neben ihm in eine Bereitschaftsstellung, sie barsten fern mit unterdrücktem Bumsen, sie explodierten zerreißend laut hinter ihm, wo er vor drei Minuten noch entlang gestiefelt war. Keine Schlucht, die nicht unter Feuer lag, kein Bach, kein Hang, keine Höhe, kein Hausrest, kein Graben, die nicht von Einschlägen wirbelten. Und über alles fiel endlos, unaufhörlich der Regen, Tag und Nacht, eintöniger Regen, der alles in Schlamm und Erdsumpf verwandelte. Der Körper überzog sich mit schleimigem Schmutz, die Uniform war ein Krustenpanzer aus Lehm, Dazwischen schlug das Feuer, das mit dem Wasser aus den Wolken stürzte. Aus den Flanken fuhr das Zischen seitlich eingebauter Maschinengewehre, eine knarrende Säge, die blitzschnell zuhieb aus dem Verborgenen.
Ablösende Bataillone, die nach vorn gingen, sahen vom Höhenrücken die nächste Mulde vor ihnen im Sperrfeuer liegen, eine einzige Qualmwolke der Beschießung, erblickten ein Dutzend feindlicher Flieger in geringer Höhe lauernd, starrten auf zwanzig französische Fesselballons. Einzeln, in Haufen, hintereinander setzen sie sich in Bewegung. Jeder hat mit dem Leben abgeschlossen. Drei erhalten sogleich die Bestätigung. Eine Granate schlägt unter sie und zerfetzt sie. Körper und Gewehre fliegen umher. Einer wird verschüttet und ausgegraben. Er rennt schreiend mit einem Nervenschock umher.
Wege gibt es nicht. Der Hang ist ein Sieb von nassen Granatlöchein, die höllisch aus hintreibenden Rauchschwaden auftauchen. Plötzlich ist das Sperrfeuer mitten unter ihnen. Überall hauen Granaten ein. Die Luft strudelt glühend von eisernen Schlägen. Die Erdmassen geraten in Fluß und verschieben sich unter den hastenden Füßen. Durch! Halb im Lehmbrei versunkene Tote liegen umher neben Kochgeschirren und Gewehren. Gestank erhebt sich und wird von ununterbrochenen Einschlägen aufgerührt wie eine träge Grundsuppe. Verbogene Maschinengewehre hocken über Leichen wie gespenstische Insekten, die blutsaugerisch in diesem fürchterlich brodelnden Kessel zum Leben erwachen.
Drüben die Höhe ist der Zielpunkt. Dort wartet das Regiment auf Ablösung. Die Soldaten dort sind vollkommen erschöpft. Sie können nicht mehr. Sie gieren nach Ablösung. Todmüde erreicht die Truppe den letzten Hang. Zu den Leichen in der Mulde sind neue hinzugekommen. Zwei Unteroffiziere, ein Offizier und fünfzehn Mann sind da unten liegen geblieben.
Die Stellung des abgelösten Regiments ist ein flacher, vom Regen zerfallener und von Granaten zerschlagener Graben, der keinerlei Schutz bietet. Hier und dort geht er in regellose Trichter über, die sich im Lauf des Tages ständig verschieben. Der Wald ist verschwunden. Überall liegen Tote, Helme, Koppel, Gasmasken, Patronenhülsen, Brotbeutel, Munitionskästen, Spaten.
Die Luft ist voll Gestank und Brausen der Granaten und Artillerieschüssen. Das Feuer steigert sich zum Trommelfeuer beider Artillerien. Wahnsinniger Lärm stürzt überall hervor mit Rauchsäulen, Schrei der Getroffenen. Regen fällt dazwischen. Erde rutscht breit herunter. Rechts greift der Franzose an.
Maschinengewehre rasseln. Handgranaten bullern dumpfprallend herüber. Tausende von Geschützen feuern aus allen Schluchten, Ein Knäuel von Vernichtungs-, Sperr- und Abwehrfeuer verschlingt sich und wälzt sich über dem gesamten Gelände. Es regnet unablässig. Das Feuer birst in die eignen Reihen. Ein heulender Volltreffer schmeißt vier Mann durcheinander. Zwei Soldaten werden von Erdmassen zugewälzt wie von Tonnen. Einer schreit gellend laut. Von links rasieren Maschinengewehrschüsse die Stellung ab. Einer sackt mit Kopfschuß ab und fällt mir schwer auf den Arm. „Ach – “ sagt er nur, und dann ist er tot. Sausend fahrt eine Leuchtkugel hoch. Rechts von uns ist der Regenhimmel erfüllt von roten und gelben Lichtbögen, die zittern und tanzen. Manche Soldaten rennen geduckt seitwärts, andre kriechen nach vorn. Die Züge und Kompagnien kommen durcheinander. Dicke Qualmschwaden wälzen sich umher, aus denen ein unaufhörlicher Donner hervorbricht. Ein Flammenwerfer explodiert plötzlich. Eine fressende Lohe schlägt hoch und schleudert einen fetten, rußschwarzen Rauch. Schwarzes Öl fließt aus und verbreitet sich in einem Grabenstück. Unmittelbar danach geht eine geballte Handgranatenladung hoch. Der Luftdruck wirft mich beiseite und hebt den Toten neben mir hoch. Splitter und Lehmbrocken prasseln. Der Regen fallt unentwegt. Der Ausblick ist verschleiert von Nebel, Explosionsrauch, Qualm des Flammöls. Wir können uns nicht rühren. Tun wir es dennoch und erheben uns, dann zuckt von links Maschinengewehrfeuer in unsre Reihen. Fünf Soldaten haben wir dadurch schon verloren. Die Kompagnien sind völlig durcheinander. Pioniere liegen mit einem Male zwischen uns. Wir liegen zwischen Toten, Verwundeten, Sterbenden, Verschütteten. Mein Kinn blutet .Ich fühle nichts. Hinter uns die Mulde kracht wie ein Eisgang. Aber es ist das Feuer. Wir sollten angreifen, entsinne ich mich. Aber ein Angriff ist unmöglich. Nach zehn Schritt wären wir alle abgeschossen. Von den sechzig Mann meiner Kompagnie leben vielleicht noch zwanzig. Ich weiß es nicht. Meldungen darüber kommen nicht durch. Ich weiß nicht, wo meine Soldaten jetzt liegen. Das Feuer zersprengt alles. Der Regen fällt dauernd. Die Trichter stehen kniehoch voll Wasser. Wir liegen bis zum Bauch darin. Das wahnsinnige Trommelfeuer macht uns zu Idioten. Wir liegen alle begraben in Qualm, Gestank, Wasser, Schlamm, Krach und Durst. Die Kehle klebt. Wir seihen das Lehmwasser, in dem Leichen liegen, durch Taschentücher und trinken die fahle Brühe. Wir füllen uns mit Wasser wie Schwämme, die aufquellen,
Das Feuer läßt nach. Ich krieche nach rechts zu meiner Kompagnie. Ich finde drei Unverwundete und sechzehn Tote und Röchelnde. Wo sind die andern? Das Feuer beginnt wieder. Es schlägt herab wie eine Maschinenhalle voll Dampfhämmern. Ich liege auf dem Bauch und kann nichts mehr denken, nichts mehr fühlen. Ich bin nur ein Krampf. Wo steckt meine Kompagnie? Wo – steckt – meine – Kompagnie -? Vier Schritt vor mir setzt sich eine Granate auf einen Trichterrand und schleudert mir einen Lehmfladen ins Gesicht, daß ich zur Seite fliege. Mund und Augen sind total verkleistert. Das Wasser läuft mir in den Rockkragen. Vom Trichterrand löst sich ein großer Klumpen und klatscht zu mir ins Wasser. Ich krieche nach dem Nachtbartrichter. Da liegen schon zwei Mann, Pioniere. Maschinengewehrgeschosse zwitschern neben mir in den Schlamm.
„Wie kommt Ihr her“ frage ich.
„Das Feuer“, stammelt einer.
Ja, das Feuer. Es hört nicht auf. Es brennt weiter, eine höllische, unlöschbare Glut aus Klötzen und Blöcken von Brand.
„Herr Leutnant“, sagt der eine Pionier, schweigt und starrt mich an.
„Wir sollten schon lange angegriffen haben“, sage ich. „Aber das war nicht möglich.“
„Das Feuer“, stammelt der eine.
Ja, das Feuer. Und der Regen. Es regnet ununterbrochen. Ich starre vorsichtig zum Feind und sehe plötzlich – nein, das ist kein Irrtum. Da stehen mit einem Schlage nebelhaft Gestalten, die auf uns loskommen.
Jeden Augenblick kann ich getroffen werden. Warum bin ich nicht schon längst erledigt? Weshalb? Das Feuer springt zurück in die Mulde hinter uns. Der Rauch kriecht hin.
Und dann schreie ich den uralten Raubtierschrei der Front: „Sie kommen!“
Der Lehm wird lebendig, das gelbgraue Wasser bewegt sich. Geschöpfe lösen sich daraus los. Ich habe den Karabiner in der Hand und reiße den Sicherungsflügel herum.
Alles, was schießen kann, liegt am Graben- und Trichterrand und feuert. Maschinengewehre knattern los. Eine sprühende Lunte brennt quer durch das morastige Gelände. Die Franzosen stapfen in schwerfälligem Laufschritt wie große behinderte Vögel mit wehenden Mantelflügeln. Einige fallen hin wie gleitende Erdhaufen. Einer winkt rückwärts. Ich habe seine Brust in Kimme und Korn und ziehe ab. Er schnellt halb um seine Achse und legt sich langsam seitwärts, windschief, und sackt weg. Die andern laufen zurück. Der Regen verschlingt sie. Der Nebel deckt sie zu. Die acherontische Landschaft poltert hohl, als seien da unterirdische Räume voll stampfender Maschinen.
Die Schluchten donnern. Es regnet. Das Feuer beginnt von neuem. Von fern kommt der maßlose Krach eines Schusses herangewandert, ein über alle Berge springender Riese. Unsere 42er beschießen Fort Vaux.
Von den sechzig Soldaten meiner Kompagnie leben noch einunddreißig Mann. Die andern sind tot, verschüttet, vermißt und verwundet.
Wir liegen drei Tage lang auf diesem Höhenrücken. Während dieser drei Tage regnete es unaufhörlich, wurden wir fünf Mal angegriffen, machten wir ebensooft einen Gegenangriff und lagen wir ständig im Artilleriefeuer.
Warum blieben wir? Warum liefen wir nicht weg? Dies alles ging über Menschenkraft. Hunderttausende waren vor Verdun. Alle sind geblieben. Kaum einer ist weggelaufen. Warum? Wenn der Bürger des Friedens uns danach fragt, drehen wir ihm schweigend den Rücken. Wir selber wissen: das Schicksal wollte es, und wir müssen das wollen, was das Schicksal will.
Die 24er beim Angriff auf Verdun im Februar 1916
März 15, 2008Von Hans Joachim Haupt,
Hauptmann und Führer der 7. Kompagnie des Infanterie-Regiments 24
Hirson! St. Michel! Wer von den tapferen 24ern gedenkt nicht gern der schönen Monate Dezember 1915 und Januar 1916 in Hirson und St. Michel, seiner freundlichen Bevölkerung, mit denen wir „Barbaren“ während der Tage der Ruhe und Ausbildung in einem fast herzlich zu nennenden Verhältnis zusammengelebt haben.
Aus dem tatenfrohen Serbenkriege waren wir als alte, vereidigte Westkämpfer wieder hier gelandet. In und um Hirson lag die 6. Division und nicht weit davon die 5. Division, nach schweren Kämpfen in der Champagne, das ganze Brandenburgische III. Armeekorps war wieder einmal vereint unter unserm hochverehrten kommandierenden General v. Lochow, um auszuruhen und aufgefüllt zu werden. Doch „ausruhen“ wird klein, aber „Brandenburg“ und „Sieg“ groß geschrieben!
Denkt Ihr noch, Kameraden, Ihr alle von der 6. Division, an unser Übungswerk bei Hirson? In treuer Gemeinschaft haben wir es gebaut, der Infanterist, der Artillerist, die Zietenhusaren, Rauchpioniere, ja selbst die Sanitätskompagnien griffen zum Spaten! Nichts konnte unsere Freude am Werk stören, weder Wasser von oben, noch Wasser von unten, mit Sing und Sang ging es zur und von der Arbeit. Wußten wir doch, es würde wieder Arbeit für uns geben, schwere und blutige, aber wir sind die „Märker!“ Rast ich, so rost ich! und wir durften nicht rosten, der Heimat wegen!
„Ich erwarte daß jeder von Euch seine Schuldigkeit tut, daß keiner vergißt, das er ein Preuße ist, und daß er sich dieses Namens würdig erweisen muß !“ Mit diesen Worten unsers großen Preußenkönigs schloß ich am 27. Januar 1916 meine Ansprache an Dich, meine stolze, unvergeßliche Kompagnie des ruhmgekrönten Infanterie-Regiments Großherzog Friedrich Franz IV. von Mecklenburg-Schwerin (4. Brandenburgisches) Nr. 24. „Die Augen der ganzen Welt werden auf Euch ruhen, denkt an Euren Namen, denkt an die Heimat!“
Kein Hurrapatriotismus wars, mit dem Ihr mir Antwort gabt im Hurra auf den Allerhöchsten Kriegsherrn, kein Kadavergehorsam ! Ein Schwur wars, ein Schwur, „das soll ein Wort sein !“ und Ihr habt ihn alle gehalten! Nicht nur bei Verdun, Ihr alle, die Ihr dabei wart in Nibelungentreue in der Champagne, an der Somme, in den Argonnen, am Pöhl- und Keilberg, in Galizien, am Damenweg, in der großen Schlacht von Frankreich, bei Soissons und in den schweren Abwehrkämpfen bei Cambrai und Valenciennes, bis, ja bis der Nibelungen Not über uns Tod und Verderben, Schmach, Schande und Versklavung brachte! Ihr habt alle Euren Schwur gehalten, die Ihr vorm Feinde die Nummer 24 trugt, und denen ich verbunden bleibe bis zum letzten Atemzuge, der ich Euch als Kommandeur des III. Bataillons ein Führer sein durfte durch lange Jahre hindurch. Ein Ruhmesblatt will ich Euch schreiben „Im Felde unbesiegt.“
Am 2. Februar 1916 war sie vorbei, diese Zeit ernster Arbeit! Schwer wurde der Abschied, und der Abschied der Einwohner zeigte uns, daß „Wir Wilden doch bessere Menschen waren“. Einer ernsten Arbeit gingen wir entgegen. Wohin? Zunächst führte uns der Fußmarsch nordwärts nach Avesnes, von dort ging es mit der Bahn weiter, und am Morgen des 6. fanden wir uns wieder an der Grenze Luxemburgs zum Vormarsch auf Verdun. Nun wußten wir es, wozu unser Markgraf seine Märker ausersehen hatte! Angriff auf die Festung Verdun östlich der Maas, Angriffsrichtung von Norden her auf Fort Douaumont!
Schön waren sie nicht, diese Anmarschwege von Longlaville bis Billy; noch schlechter wurden die Straßen durch Regen und Schnee. Doch was machte es uns: „Lustige 24 er, 24 er sein wir!“
Am 10. ging es nach vorausgegangener Erkundung in Stellung rechts und links des „Kap der guten Hoffnung“, ein frohes Vorzeichen für unsere Aufgabe. Rechts III Bataillon, Anschluß 5. Division, links I Bataillon, Anschluß unsere tapferen 64 er. „Neuruppiner Bilderbogen und Nudelburger“, es war eine feine Mischung! 5. und 7. Kompagnie Regimentsreserve hinter der Mitte in den Stollen 251/267. Ach diese Stollen! Wars in Hirson beim Übungswerk schon naß gewesen, hier war es noch nasser. Doch hatten wir nicht geschworen „zu Lande und zu Wasser!“ 6. und 8. Kompagnie blieben zunächst als Brigadereserve in Billy.
Tatenlustig, tatendurstig rückten wir nach vorn. Wenn nur nicht der Wettergott gegen uns gewesen wäre! Aber hatte es nicht in Serbien auch unaufhörlich geregnet, und haben wir nicht trotzdem Sieg auf Sieg errungen! Ich sehe mich heute noch wandern, meiner Regimentsreserve voraus, durch die Wälder in der Richtung auf Azannes. Was barg dieser Wald nicht alles für Geheimnisse! Geschütze, Batterien, Munitionsstappel! „Allerhand“ sagte mein tapferer Melder Bolze. „Wünsch einen guten Appetit zur Morgensuppen! Sakra, Franzmann, wenn du hier neinschauen könntest !“ antwortete mein unvergeßlicher Alois Hartung, ein Bayer. Geisterhaft, wie alles durch den Wald zog, lichtlos und doch unbedingt seinen Weg finden! Wenn nur nicht der Schnee fiele! Verflucht und zugenäht, ist das ein Schneefall! Nur langsam kommen wir vorwärts, der Schnee ballt und der Tornister birgt Verpflegung für vier Tage und zwei Paar wollene Decken, denn von den „Erfahrungen“ aus dem Serbenkrieg, den zwei vom Anfang bis zum Ende mitgeschleppten Decken, wollte sich keiner in meiner Kompagnie trennen, und wir haben es nicht zu bereuen brauchen. Kochgar kamen wir an bei Stollen 267. Alles belegt! Die 3. Jäger hatten fremdes Jagdgebiet belegt auf mancherlei anhängliche Haustiere, langgeschwänzte, springende und krabbelnde Punkte. Nach guten Worten und „sanftem“ Druck seitens der 12.Infanterie-Brigade mußten sie jedoch unsere jagdlichen Hoheitsrechte anerkennen und abbauen ; gerade als meine mir anvertrauten Kompagnien ankamen, ist Platz gewonnen. Es schneit immerzu, dazu wird es noch nebelig, und der erwachende Tag findet alles grau in grau! Kein Schuß fällt! Der Angriff wird aufgeschoben. Schade, wir waren so schön in Schwung. Es sollte nach unserm Willen kein Lehmkrieg mehr werden. Vorwärts, heraus aus den Gräben! Das war unser Wille! So legte das von Tag zu Tag erneute Verschieben sich lähmend auf uns. Dazu kamen Grippefälle und Darmerkrankungen.
Nichts ist scheußlicher als Untätigkeit. Das bißchen Grabenarbeit war für die Katz und wir wollten doch stürmen!
Der Patrouillengang vor der Front war eingeschränkt, damit der Feind hieraus keine Schlüsse ziehen konnte. Aber von einer Patrouille muß ich berichten. In der Nacht vom 14./15. ging er hinaus, der junge Führer der 10., Leutnant v. Osteroth, später war er bei mir in meinem geliebten III. Bataillon Führer der 12. Kompagnie, der „Leibkompagnie“ ! Um sich einmal sein Angriffsgelände anzusehen, mit einem Unteroffizier und vier Mann! Es waren dies Unteroffizier Jäene (Martin), Musketier Corde, Boromann, Sauer, Wollburg. Hierbei stießen sie auf eine feindliche Patrouille von 4 Mann, die gleich Funken rissen. Getroffen sinkt der linke Mann zu Boden, schwerverwundet und doch lautlos, denn kein Aufschrei durfte dem Feinde etwas verraten. Die andern backen stehend freihändig an, zwei Franzosen fallen, einer flüchtet, ein Schuß des Unteroffiziers bereitet seiner „Laufbahn“ ein Ende, der vierte hebt . die Hände hoch und wird eingebracht. Leutnant v. Osteroht erhielt das Eiserne Kreuz 1. Klasse und sämtliche Teilnehmer das Eiserne Kreuz 2. Klasse, sowie noch eine Geldbelohnnng. Leider erliegt der verwundete Kamerad dem schweren Bauchschuß. Doch die Aussagen des Gefangenen sind von hoher Bedeutung und gaben in ihrer Auswertung wichtige Anhaltspunkte.
Wenn wenigstens der Nebel wegginge! Unsertwegen kann es losgehen auch bei Regenwetter; es geht ja doch bloß bis auf die Haut. Langweilig! Wir fangen an zu bauen im Tunnelgang, um Platz zu schaffen, für Entwässerung zu sorgen und um andern Kameraden, die noch schlechter liegen als wir, Gastfreundschaft zu gewähren!
„Weg da mit dem Plunder in der Ecke“, ordneten meine vereidigten Bauleiter, Vizefeldwebel Röhl und Brehe an, „das gibt Holz zum Bettenbau und schafft Platz.“
„Ja, zum Donnerwetter, was ist denn hier für ein Warenlager? Kaffee, Zucker, Zwieback, Fleischkonserven!“
Ein vergessenes und verbautes Notstandslager! Schätze, die ihn nie erreicht hätten!“
„Gefreiter Kabella, nehmen Sie das alles in Verwahrsam des Stoßtrupps!“
Dieser Stoßtrupp war mein Geheimnis! Ich hatte nur diesen einen, denn wozu brauchte ich sonst einen Stoßtrupp, ich hatte ja meine 7. Kompagnie! Und das waren lauter „Kerle !“ Wir brauchten uns ja nur in die Augen zu sehen, und wir hatten uns verstanden; unlösbare Aufgaben gab es für den Einzelnen nicht. Über diesen Stoßtrupp an späterer Stelle!
Die Brigadereserve in Billy, ebenfalls in drangvoll fürchterlicher Enge, erhielt jeden Tag ihre Grüße von la Vauche aus der sogenannten Billykanone. Der Zahlmeister des I. Bataillons und der Feldwebel der 8. Kompagnie konnten ihrem Schöpfer danken, daß der Volltreffer in ihr bescheidenes Heim ausgerechnet ein Blindgänger war. Auch in der Stellung selber gab es Verluste. Einige Kompagnien wurden der Ruhe wegen nach Billy und in Waldlager herausgezogen.
Endlich am 20. klärt sich das Wetter auf, für den 21. wird erhöhte Gefechtsbereitschaft befohlen. Stahlblau ist der Himmel, der Boden ist gefroren. Von 8 Uhr 30 ab rauscht es in den Lüften und mit Donnern und Dröhnen setzt der Artilleriekampf ein. „Bruch, bruch“ rufen die 21er, hart bellen die Feldkanonen, seufzen und gurgeln die Haubitzen, „ssssst, flupp“ kommen Sprengstücke und Zünder in die eigenen Stellungen geflogen. Kaum sind unsere „Kerle“, Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften (sie waren alle „Kerle“) in der Deckung zu halten! Der Franzmann antwortet bescheiden; wir haben die größten Trümpfe in der Hand. In die eigenen Drahtverhaue sind schon in der Nacht schräg verdeckte Gassen geschnitten Um 10 Uhr setzen die Minenwerfer ein, Unterstände und Stollen wackeln. Nocheinmal wird um 12 Uhr Mittagessen geholt; uns wird die Zeit schon lang.
Da, um 5 Uhr nachmittags erhebt es sich aus allen Gräben und drängt sich durch alle Gassen der Stürmende 24er des III. und I. Bataillons! Kommandos, Befehle? Nicht nötig! Stolz in der
Brust, siegesbewußt! Jeder tut seine Pflicht! Hier wurden wieder einmal die Früchte reif langjähriger Arbeit „Drill und Erziehung!“
Wer von Kadavergehorsam in solchen Augenblicken spricht, ist nie „dabei“ gewesen!
Ohne Hurra, im Schritt und Laufschritt ging es vorwärts. Die 3. Kompagnie unter Oberleutnant v. Oertzen räumt den Knochgraben auf; schon kommen gefangene Franzosen gelaufen. 5 Uhr 45 nachmittags zeigen die weißen Leuchtkugeln an, daß die erste feindliche Stellung genommen ist, Patrouillen fühlen weiter vor. 6 Uhr 30 nachmittags bricht die 10. Kompagnie in die zweite feindliche Stellung ein. Alles andere lag fest, fest vor einer stark ausgebauten, mit größtem Geschick verdrahteten Unterstandslinie, die unerkannt geblieben und daher von der Artillerie nicht gefaßt worden war. Dazu das Herbebois selber! Wild gewachsen, durch Artilleriefeuer verfilzt, Granat- und Minentrichter, Schluchten und Wasserrisse.
Dann kam die Dunkelheit! Jetzt hieß es Verbände ordnen, Anschluß gewinnen, nach der Tiefe staffeln. Die einleitende Handlung war gelungen! Um 6 Uhr abends erhielt die Regimentsreserve den Befehl „Stellungswechsel in die Sturmausgangsstellung des III. Bataillons“.
Gruppenweise wird die Förderbahnschlucht und ihr westlicher Hang überwunden und aufmerksam das Sperr- und Streufeuer des Feindes unterlaufen. Wir drängten nach Meldung beim Regimentskommandeur vorwärts, mußten aber bleiben. Die 5. Kom-pagnie schleppt Minen, die 7. hilft den in der Nähe stehenden Haubitzen Munition tragen. Von Schlaf ist nicht viel die Rede. Der 22. bricht an mit neuer Artillerievorbereitung, der Angriff kommt nicht vorwärts. Endlich um 3 Uhr 30 nachmittags kommt für die Regimentsreserve der Befehl zum Vorrücken nach dem Herbebois zur Verfügung des III. Bataillons.
Dem Artilleriefeuer ausweichend, rücken wir in Reihen vor. Beim Durchschreiten des eigenen Hindernisses treffe ich den ewig frischen Ordonnanzoffizier des Regiments, Leutnant der Reserve v. Brockhusen, der von einem Erkundungsgang aus der vordersten Linie kommt.
„Wie steht es vorn?“ „Wo liegt Stab?“ Kurze Lageklärung; es liegt alles fest!
„Melden Sie dem Regimentskommandeur: ich gehe nicht in Herbebois, sondern ins Bois de Ville, sonst liege ich auch fest; von da habe ich Freiheit des Handelns. Weidmannsheil!“
„Weidmannsdank !“
Nun erhalten die Zugführer ihre Befehle : „7. Kompagnie, 1. Zug rechts, 3. Zug links, 2. hinter der Mitte, 150 Meter Zwischenraum und Abstand, Marschrichtung Bois de Ville, die Mulde vor uns ausnutzen, nicht über die Ostecke herauskommen, immer unter Sichtdeckung des Waldes bleiben, um vor uns stehende, feuernde eigene Batterien östlich auszubiegen, ich empfange die Züge im Bois de Ville, dort weitere Befehle.
„5. Kompagnie folgt in gleicher Form mit 300 Meter Abstand.“
Die Zugführer wiederholen. Ich setze mich mit meinen Meldern in Bewegung. Schritt -
laufen, Schritt – laufen! „Päng“ platzen die Schrapnells hoch über uns, „bruch!“ sitzt eine schwere Granate in der Ostecke des Bois de Ville.
„Hartung, Bolze, aufpassen, daß mir kein Zug dorthin kommt!“
„Na, Franz geht es noch! Drückt der Tornister auch nicht zu sehr auf der alten Wunde?“
„So Kinder, nun aber wieder einmal Schritt!“
„Also, Gefreiter Schneider, den Draht gleich ordentlich hochstecken.“
„Jawohl Herr Hauptmann,, Huth und Jasdz stecken schon auf!“
„Gut, schön wie immer!“
„Ja, lieber Stabsarzt Bollert, eigentlich sollten Sie nicht gleich als erster mit hinüber, aber es ist ganz recht so; der besterhaltene Unterstand als Verbandplatz. Zu dumm, daß es unsern braven Sanitätssergeanten Nusch neulich noch in Billy beim Feuerüberfall der Billykanone erhaschen mußte; na hoffentlich ist er bald wieder bei uns. Aber lieber Herr Bollert, Sie haben ja mein prächtiges Krankenträgervierblatt und die gleichen Regimentsmusiker wie im Serbenkriege. Wenn man bloß in der Heimat dafür sorgen wollte, daß man immer seine braven Kerle wiederbekäme und diese nicht immer in alle Welt gingen mit dem Nachersatz, wo bleibt da alle Tradition ! Bollert ! Tradition ist das Geheimnis einer guten Truppe! Sehen Sie da meinen Hartung! Ist er nicht in Serbien mit dem Krubsack zusammen verwundet worden? Sind die beiden nicht unausgeheilt von Lazarett zu Lazarett geturnt, haben gesagt „die Division kommt auf dem Rückmarsch hier durch?“ Standen ihrer nicht über zwanzig an der Marschstraße tadellos ausgerichtet, und meldeten sich zur Stelle? Das sind die Eichbäume, an denen sich das junge Gemüse festrankt“.
„Donnerwetter, da reitet der General Lotterer, seht Euch den an, Kinder, das ist ein Artillerist für uns Infanteristen!“
So wurde die Fläche überwanden; ehe man es merkte, war man am Waldrande. Nun hieß es die ankommenden Züge und die 5. Kompagnie gleich richtig verstauen; ein richtiger Führer muß riechen, wo keine Granate hintrifft. Sicherungen werden vorgeschoben, Verbandplatz, Befehlsstelle bezeichnet und dann zum Stab des III.. Bataillons.
Der Weg dorthin war nicht der beste! In der ersten franösischen Stellung auf der freien Fläche. Der Graben selber war mit Reserven und Verwundeten belegt. Das hält zu lange auf und stört die armen Kerle. Also raus, übers freie Feld. Mein Georg Wyrobzyk, der mich bei Ralja in Serbien, als ich angekratzt war, aus dem Feuer zog und Gefreiter Kind begleiten mich; sie wollen mich auf keinen Fall allein gehen lassen; als ob mir etwas passieren könnte! Kind hat noch ein Konto auszugleichen, von wegen zu tief ins Glas gucken neulich. Ich habe seither nicht mit ihm gesprochen.
Ich weiß, es ist ihm scheußlich. Na also gut, Kind mit, und dann wollen wir wieder miteinander sprechen! Erledigt, sprechen wir nicht mehr davon. Wir laufen, stolpern und fallen, und obwohl es kalt ist, schwitzt man, eine windige Ecke, aber man muß nur aufpassen. In einem Unterstande des Feindes ist der Stab; die Lage wird besprochen.
Inzwischen ist es dunkel geworden. Auf dem Rückweg falle ich in einen Graben und schimpfe nicht schlecht ! Da wird mein Name gerufen! Ist das nicht die Stimme des Gefreiten Perschke, der seinerzeit bei Aufstellung der 11. Kompagnie als Hornist abgegeben wurde? Zuruf – hier! Wir finden ihn schwer verwundet an der windigen Ecke des Bois de Ville. Hier hat es den ganzen Kompagniestab 11. gehascht, vom Führer bis zum Fernsprecher, teils verwundet, teils tot. Wir befreien ihn aus seiner unglücklichen Lage, legen ihn abseits, dann schaffen ihn die Krankenträger Räckow und Seiler zum Verbandplatz, wo Stabsarzt Bollert unermüdlich bei der Arbeit war. Das Gefechtsfeld war abgesucht und so mancher Verwundete geborgen worden.
Inzwischen hatte der Fernsprechtrupp Verbindung mit dem Regiment und dem Stab des III. Bataillons. Tut, tut, tüüüt, tüt, tüt, tüüüt! Schlafen, und wenn es nur eine Handvoll ist.
„Herr Hauptmann!“
„Was gibt´s?“
„Gefreiter Kabella mit dem Stoßtrupp zur Stelle!“
„Auch gut, Donnerwetter es wird ja schon hell! Verflucht kalt!“
Ja aber der Kaffee ist warm, und aus der ersparten Rumreserve ein ordentlicher Schuß zugetan! Gut, der Stoßtrupp! Und jetzt brachte mein Stoßtrupp Leben in die Bude. Die Liebe des Mannes geht durch den Magen! Das war das Geheimnis „meines“ Stoßtrupps.
„Und Post haben wir auch mitgebracht, zwei Sack mit Päckchen!“
„Sehr gut, der Stoßtrupp!“
„Na, Gorny, wie schmeckt der Kaffee? Hier noch ne Zigarette.“
„Woll, woll, Herr Hauptmann, aber heute wollen wir ran an Speck!“
„Zeitlassen, kommt alles Kinder!“
Das Artilleriekonzert beginnt. Wir klären auf nach vorn, um vorbereitet zu sein für einen Einsatz zur Unterstützung der kämpfenden Kameraden im Herbebois. Ich ziehe die Kompagnien etwa 800 Meter vor. Der Stab des III. Bataillons ist bei mir, und ich dränge auf Einsatz, unterstehe aber wieder dem Regiment. Endlich ist die irgendwo zerrissene Leitung wieder in Ordnung, ich werde am Fernsprecher verlangt, der Regimentskommandeur gibt mir Freiheit und Selbständigkeit! Soeben bringt ein junger Offizier die Meldung aus dem Herbebois : „Vorkommen über die Schlucht nicht möglich, starke Verluste!“ Also für uns „ran an Speck!“
Ich übergebe die Führung meinem prächtigen Leutnant der Reserve Sommer, lege ihm und dem Führer der 5., Leutnant der Reserve Bötticher (Heinz), meine Absichten klar.
„Aber nichts ohne Aufklärung! Die übernehme ich selber. Es soll erst auf meinen Befehl nachgerückt werden. Melder, mein Bursche und Hornist Franz Kaaz und Georg fertigmachen! Einer hinter dem andern, weiter Abstand, Franz und Hartung zu mir! Abhauen!“
Quer über freies Feld geht es zum Herbebois. Der Franzmann beschießt schwer das Grabenstück zwischen Bois de Ville und Herbebois aber immer kurz drüber weg. In diesem Graben finde ich noch die letzten Reserven des III. Bataillons, Trümmer der führerlosen 11. Kompagnie. Ich schiebe sie an den Westrand des Herbebois da liegen sie besser. Ich schätze genommene feindliche Gräben nicht, einmal der Läuse wegen, dann aber auch wegen der immer sicheren feindlichen Beschießung.
Nun zum Führer der 9. Kompagnie! Es sah wüst aus, als ich die Linie lang ging. Apfelsinen und Zigaretten, die ich im Päckchen erhalten hatte, konnte ich abgeben und erhielt freundliche Gesichter.
„Vorsicht! Baumschützen von jenseits der Schlucht; alles nur Kopfschüsse!“
Ich mußte immer wieder versichern, daß ich nun einmal kugelfest wäre. Nach Lageklärung beim Führer der 9. befahl ich meinem Hartung: „7. Kompagnie soll rüber, 5. folgt nach einer Pause von 15 Minuten, Kompagnieführer voraus, weitere Befehle an der kleinen Steingrube, wo der Rest der Melder liegt, Verbandplatz bleibt drüben.“
Wie sie über die Kegelbahn herüberkommen! Nichts verlernt seit Hirson! Sie wissen es ganz genau, der „Alte“ steht und mustert jeden Mann! Ich bin zufrieden! Ich schob nun die 7. rechts von mir in den Wald, zunächst volle Deckung! Aufklärung spart Blut und gibt Erfolg.
„Leutnant Wolff zu mir!“
Wie ein Licht stand er bei seiner Meldung vor mir.
„Erkundung: 1. Wie und wo liegt rechter Flügel des III. Bataillons vor uns im Walde? 2. Wie liegt Feind diesem Flügel gegenüber? Eigene Beobachtung aus vorderster Linie. 3. Wie kann man zugunsten der 9. Kompagnie ins Gefecht eingreifen? Zeit eine halbe Stunde! Zur Begleitung Gefreiter Hartung! Beide wiederholen!
Während dieser Zeit kam die 5. Kompagnie einzeln nach und wurde ebenfalls im Waldrande verstaut. Als letzter erschien mit zwei Krankenträgern unser tapferer Bollert, er mußte sich selber überzeugen, was abzutransportieren ginge. Er galt auch als kugelfest, trotz seiner Länge! Arbeit für ihn gab es leider genug.
Die Erkundung des Leutnant Wolff brachte mir in Gestalt einer einfachen Skizze Klarheit zum Einsatz. Ich schob meine Kompagnie weiter vor, mit einem Zuge in vorderer Linie, hinter jedem Flügel einen Zug in Reserve. Zwischen dem rechten Flügel des III. Bataillons und meiner Kompagnie blieb zunächst wohlüberlegt eine Lücke. Dies war nur Sicherung. Der überraschende Angriffsaufbau sollte noch kommen. Ich übergebe die Kompagnie wieder an Sommer.
„Franz, Georg! Tornister herunter, 3 Drahtscheren her.“
Los, und nun schnitten wir uns mühsam durch das Drahtgeschlinge den Waldrand südwärts und landeten unterhalb einer feindlichen Batterie im Rücken des Feindes. Stunden waren vergangen, aber die Mühe lohnte sich. Ich erhielt Einblick in die Schlucht, vor der die Linie des III. Bataillons festlag, ernannte die Blockhäuser; der Plan war gefaßt. Mir nach kam der Führer der inzwischen herangekommenen 8.Kompagnie, Oberleutnant v. Brandis ; gedeckt in einem Granattrichter wurde der Plan besprochen, inzwischen ein Zug an unsere Stelle nachgezogen und dann ging es zurück zur Führung.
Wir meldeten dem Kommandeur des II. und III. Bataillons das Ergebnis unserer Erkundung und schlugen vor: Ausfüllen der Lücke zwischen der 9. und 7. Kompagnie durch 11. Kompagnie. Die Führung übernahm der Ordonnanzoffizier des II. Bataillons, Leutnant der Reserve Voß, sowie 5. und 6. Kompagnie ; 8. Kompagnie hinter dem rechten Flügel. 6 Uhr 10 Feuerüberfall aus allen Gewehren und Maschinengewehren, 6 Uhr 15 alle Hornisten blasen, alle Tambours schlagen, eine kurze Pause, dann vorwärts mit Hurragebrüll.
Und so geschah es!
Im Rücken gefaßt, brach der Widerstand zusammen. Leider fiel hierbei mein prächtiger Leutnant Wolff. Ein tragisches Geschick ! Auf dem rechten Flügel er, auf dem linken der ältere Bruder an der Spitze der 1. Kompagnie; sie ruhen zusammen in einem Grabe.
Wir hatten zwar den Befehl nicht weiter vorzugehen, aber Brandis und ich sagten uns „Nütze den Tag!“ und stießen 1km weiter, bis uns leider die Dunkelheit ein Halt gebot. Das ganze Herbebois war in unserer Hand. Anschluß mit 64 war vorhanden. Nun galt es Verbände ordnen, Tiefengliederung und Flankensicherung schaffen, denn wir wußten nicht, wie und wo wir zur 5. Division liegen. Aufklärung- und Sicherungspatrouillen vor! Mit Hilfe einer breiten Ackerfurche schafften wir eine durchlaufende Linie, und nun Spaten heraus, eingraben! Es war bitter kalt und an ein Herankommen der Feldküchen wohl kaum zu denken. Ich habe bedauert, daß man keinerlei Verbindung mit der Artillerie hatte, sonst – ich wäre gern noch weiter gegangen, aber nachts wo möglich in eigene Feuerüberfälle zu kommen, war zu gewagt. Nach der vorzüglichen Erkundung des Vizefeldwebels Vilmow und Musketier Zech hätten wir glatt noch den Chaumewald in unsern Besitz bekommen. Trotz des harten Bodens waren unsere Kämpfer bald in Hasenlöchern verschwunden und schliefen eingewickelt in die wärmenden Decken. Streifen und Posten im Vorgelände sicherten die Ruhe der Schläfer. Die Nacht verlief ruhig.
Am Morgen des 24. Februar waren wir alle steif gefroren, aber der Stoßtrupp sorgte für warmen Kaffee mit Rum. Klarer Frost, klare Sonne! Ein friedliches Bild! Über den Höhenrücken bei St. Andrée-Fm. schiebt sich das Jägerbataillon 3 vor, um die Lücke zwischen uns und der 5. Division auszufüllen. Dies nahm man aber auf Fort Douaumont übel und „Bruch, Bruch“ schlagen die schweren Granaten in den Rand des Wawrille ein. Hinter uns lag das I. und das sich sammelnde III. Bataillon, sowie der Regimentsstab in einem schmalen Waldstreifen, man kokelte in alten französischen Unterständen. Ich wurde zum Regimentskommandeur befohlen und bekam eine Abreibung, weil die vorderste Linie nichts für die Sicherung getan hätte. Ich konnte belegen: In Batterie 537 sitzt 500 m vorm Chaumewald eine Patrouille von mir, dort im Gelände liegt eine von der 8. Kompagnie, da eine in der Mitte, dort am linken Flügel wieder eine von der 7.; unter ihren Zeltbahnen eingescharrt, waren sie kaum zu erkennen. Ich fügte hinzu:
„Dies wird unsere vorderste Linie, 8. und 7. schieben sich immer einzeln, zu zweien und dreien durch den Waldrand des Herbebois, genau wie bei Ralja, nach vorn; hierdurch kommen wir ungesehen 800 m näher an unser heutiges Angriffsobjekt heran; die dort nach dem Walde zugehenden Männer sind schon beim Vorbauen.“
Man war wieder einverstanden mit uns Durchbrennern. Ich legte mich einstweilen noch in mein Hasenloch; über uns kreiste ein französischer Flieger. Unsanft wurde ich geweckt. Der Franzose belegt uns und das Hintergelände mit Schrapnells und Brennzünder-Granaten. „Das kommt vom Kokeln“ sagt mein Gefreiter Bolze, dreht sich um und schläft weiter. Etwa eine Stunde vergnügt sich unser Gegenüber so mit uns; dann können wir unsere Bewegung fortsetzen.
Die Trommel abspulend, zieht Schneider seine Leitung vor, während die anderen wieder hochstecken. An der Südwestecke des Herbebois scheint dem Franzmann etwas nicht zu gefallen, wir müssen sie etwas schneller überwinden. In einer leuchtkugelsicheren Deckungshütte wird eine Zwischenstation angelegt, die nachher das Bataillon übernehmen soll. Schneider ruft mich, ich springe hin: zwei schwer verwundete Zuaven; Oberarzt Dr. Kronseld, ein ebenbürtiger Mitarbeiter seines Bataillonsarztes, nimmt sich ihrer an. Weiter! In meiner Begleitung ist der mir zugewiesene Königlich Sächsische Pionierleutnant der Reserve Voigt mit einigen Pionieren. Ich kann noch mit meinen Zug- und Gruppenführern sprechen, suche meine Mustergruppen auf: Unteroffizier Fürstenau, Krubsack und nicht zuletzt Puttlitz, den Besten der Besten! Ich weise auf die schweren Einschläge vor der Front hin, die konservativ immer zwei rechts dann zwei links dieselben Stellen bedecken. Aufpassen, zählen, unterlaufen, aufweichen! Dann nocheinmal Zusammenkunft mit meinem Sturmgenossen Brandis; wir kommen überein, starke Reserven bereit zu halten während der ganzen Handlung. Die Stimmung ist gut. Unsere Artillerie hat seit 10 Uhr 30 den Chaumewald ganz sauber unter Zunder.
Um 11 Uhr 30 nach der Uhr erheben sich unsere Linien tiefgestaffelt auf einen Ruck und brechen vor. Leider läuft eine meiner Gruppen in einen der vorher angewarnten schwarzen Herrn hinein: alle sieben Mann tot.
Mit den letzten eigenen Granaten sind wir im Chaumewald, die Überraschung ist gelungen, die einzelnen Widerstände werden mit Flammenwerfer und Handgranaten im Einzelkampf bald überwunden. Alles drängt zur Höhe.
Der Südrand des Chaumewaldes – Vauxkreuz soll unser Tagesziel sein. Wir überschreiten es bewußt bis in die Randstellung des Caurrièreswaldes, um diesen in seinen Schluchten zu beherrschen. Jäger 3 rechts im Anschluß. Die 8. Kompagnie drängt mit starken Patrouillen in der Richtung auf Hermitage nach. Hierbei stieß der immer frische junge Leutnant Freiherr von Eynatten mit dem ewig schiefen Mützensitz auf eine feindliche Batterie am Südrande von Hermitage. Rasch zusammengerafft, was an Männern vorhanden, und drauf! „Hände hoch!“ „Was, Ihr wollt nicht?“ Den Karabiner anbacken und Funken reißen war eins! „Na also, warum nicht gleich, das hättet ihr billiger haben können!“ Der Fang lohnt sich,
die 8. Kompagnie bedurfte der Feldküchen heute nicht mehr. Nun galt es Verbände ordnen; der Bataillonskommandeur Major v.Klüfer befahl: „8. und 6. Südrand von Hermitage! 5. und 7. links rückwärts gestaffelt.“
Trotz des Gasgeruches schmeckte die kalte Konserve ausgezeichnet. Zu mir tritt mein Fernsprecher, der Gefreite Jasdz und übergibt mir in einem Feldpäckchen ein kleines Kognakfläschchen. „Das schickt meine Braut, hier im Brief steht es. Eins für Dich, eins für Deinen Hauptmann.“
Der Sächsische Leutnant Voigt sagt: „Was haben Sie für prächtige Menschen.“
„Jawoll, Herr Leutnant, wir sind auch die 24 er aus Neuruppin, det is eine ganz besondere Nummer für sich! Hätten wir nur Freiheit des Handelns gehabt heute, der morgende Tag wäre schon heute geworden. Ich war mehr für´s Durchbrennen!“
Ruhe jetzt, schlafen, morgen ist auch noch ein Tag !
Die Nacht vergeht ohne Störung.
Am 25. wird die 5. hinter die 8, die 7. hinter die 6 dicht auf gezogen, die Steilabfälle der Schlucht gestatten dies, neben dem II. wird das III. Bataillon eingesetzt, in der Verlängerung liegt das Infanterieregiment 20, die Jäger sind wieder herausgezogen; dadurch ist leider zur 5. Division eine nicht unbedeutende Lücke; außerdem liegt diese noch etwas zurück; dafür werden die schweren Maschinengewehre unter Führung des Leutnants der Reserve Calow hinter den rechten Flügel genommen.
Die Artillerie hat Stellungswechsel gemacht; dicht hinter uns steht die Gruppe Schrader vom Feldartillerie-Regiment 39; bei mir meldet sich der vorzügliche Verbindungsoffizier Leutnant der Reserve Wackerzapp. Er sitzt nun vor unserer eigenen Linie in einer zerschossenen feindlichen Batterie. Mein Fernsprechtrupp hat vielfachen Draht gezogen für ihn mit Zwischenstationen und Querverbindungen. Eine Strippe muß doch halten!
Vor uns schanzt der Gegner, die Artillerie streut unsicher das Gelände ab. Endlich um 3 Uhr trifft der Angriffsbefehl ein, für unsern Tatendrang wieder viel zu spät. Die neue feindliche Stellung in der allgemeinen Linie Chauffourwald – Batterie 639 ist zu nehmen und dann die Linie nahe an Fort Douaumont heranzuschieben. Außerdem schob man uns aus unserem Gefechtsstreifen östlich an Fort Douaumont vorbei. Angriffsbeginn 4 Uhr nachmittags.
Ich spreche mit dem Artillerie-Verbindungs-Offizier, erinnere ihn an Ralja und unser damaliges Verfahren; wir haben uns verstanden.
Die 8. Kompagnie wird es am schwersten haben, die 5. Division ist etwas zurück und Brandis muß den langen Hang hinauf. Die 6. Kompagnie soll daher etwas früher antreten.
Da – 10 Minuten vor 4 Uhr – Bruch – Bruch ! schwere Artillerie in die Linie der 6. Kompagnie des III. Bataillons. Verflucht, das ist ja eigenes Feuer, Haubitzen oder gar 21 cm! Bruch – Bruch! Schon wieder! Vorn entsteht Verwirrung! Das fehlt auch gerade noch!
„Zugführer zu mir!“ Wir liegen am Steilhang dicht beieinander. Die Kompagnie stürzt 3 Minuten vor 4 Uhr, gleich was ist, alles auf einen Ruck vor; Tiefengliederung; Zug Sommer erst nach Einbruch in die feindliche Stellung, wie die Teufel müssen wir angebraust kommen!“
Wieder kommt eine Lage angeorgelt und bringt fast unseren Artillerie-Verbindungs-Offizier um.
„Vorwärts! Es ist Zeit! Die nächste Lage muß schon hinter uns liegen!“
Die 6. Kompagnie hat keine Zeit mehr, wir brechen über sie hinweg und in einem Lauf geht es in den Feind. Wackerzapp reißt sein wundervoll geleitetes Feldartilleriefeuer vor. Die Stellung ist in unserer Hand, über 1000 Gefangene! Ich bleibe liegen, die Melder und Handreserve unter Vizefeldwebel Brehe bei mir, hinter uns schnurrt Schneider mit dem Draht heran, im schnellsten Lauf Wackerzapp mit dem Scherenfernglas ! Er will zunächst bei mir bleiben, dann sich nach links halten, da er das Regiment 20 noch dienen muß. Alles ist im Fluß! Rechts von mir steht der Führer der 6. Kompagnie. „Was nun?“ fragt er, ich lache und sage: „Fort Douaumont.“
„Aber wir sollen doch -.“
„Scheibenkleister, sollen doch -.“
„Wie weit kommen Sie noch mit dem Draht Schneider?“ „Sehen Sie zu, daß nachher eine andere Kompagnie vorbaut, suchen Sie Verbindung nach rückwärts, melden Sie alles, was Sie sehen!“
„Melder Zug Sommer ! Der Leutnant soll links gestaffelt folgen,
Achtung auf den Buschwald da links!“
„Vorwärts die andern, marsch marsch, damit wir nachkommen! Atempause, Schritt!
Tak-tak-tak – französisches Maschinengewehrfeuer, das gilt uns, es kommt von halb rechts.
„Deckung in den Löchern! Aufpassen, wenn er den Streifen wechselt! 19-20-21-22- fertig! los!“
So springen, stolpern und fallen wir vorwärts. Rechts von uns tönt Gefechtslärm, links ist es stiller. Fort Douaumont liegt unter schwerem eigenem Feuer.
„Auf Wiedersehen, Wackerzapp, schönen Dank auch, und halten Sie sich munter“.
Da sind wir bei den äußersten Fortgräben, schöne geflochtene Dinger, voll 24er aller Kompagnien! Atempause!
„Grüne Leuchtkugeln hoch! Die Artillerie, hols der Teufel, sieht wieder nichts! Hartung, helfen Sie mir mal aus dem Graben heraus! Danke! Drahtscheren heraus! Vorwärts! Jawohl durchs eigene Feuer! Kinder, nun laßt mich nicht im Stich!“
Und nun drängt und stößt sich alles nach vorn. Ein schwerer Einschlag schleudert mich zu Boden. „Der Hauptmann ist gefallen“, ruft so ein Dassel da. „Halts Maul! Fällt mir nicht im Traum ein! Voran!“
„Donnerwetter, ist das ein Draht, hier bleibt ein Fetzen kleben, da reißt sich einer die ganze Hose auf. Mein Mantel ist ein Cut, der Rest sitzt irgendwo im Stacheldraht!“
„Brehe, Georg! Tornister runter! Beide zurück nach hinten, lauft was Ihr könnt, man soll uns die Artillerie vom Halse schaffen !“
Hooooch-bruch ! schlägt wieder eine 21 cm zwischen uns, reißt Draht und Gitterwerk auseinander und öffnet eine Gasse.
„Junge, Junge is man gut, das icke da nich meinen Fuß drunter hatte, dann könnt meine Muttern ihr Willi nicht mehr tanzen gehn!“
Es ist nur gut, daß die Artillerie so weit weg war, sonst hätte
es Beleidigungsklagen gehagelt.
Vom Fort feuern die Geschütze Schuß bei Schuß. Merkwürdig! Nichts von Infanterie! Nur vom Dorfe Douaumont her kommen Singvögel geflogen. Und nun kommt ein Stauen an dem Durchbruch des Gitters, ein verdammter Abrutsch! Da stehen wir auf der Grabensohle, um mich herum 10, 20 Regimentsangehörige aller Dienstgrade! Die Grabenstreichen melden sich nicht, die Tore sind verschlossen.
„Balken da anfassen, aufrichten zum Absteigen, sonst bricht sich noch einer die Knochen.“
Oben drängt sich der Haufen, aber es ist beschwerlich die Mauer herunter. Nun weiter ins Innere! Wir fallen alle noch durch eigene Artillerie! Ganz wurscht, vorwärts, da den Wall auf allen Vieren hoch!
„Ich stehe Verfügung, Leutnant Neumann 10/24″ und mit einem Satz von oben springt er in die Tiefe und kommt heil an. Na dann los! Gefreiter Hartung, Steiling und noch einige neben mir. Tak, tak, tak, tak. Maschinengewehr-Feuer! sssst, sssst, flupp, flupp! Wir sitzen mitten in der Garbe. Leutnant Neumann seufzt auf, getroffen! Liegen bleiben, nicht rühren, weiter, Steiling und Hartung springen vor, greifen einen Franzmann, winken mit der Artillerieflagge, nichts zu machen, bruch, bruch; sssst, sssst flupp, flupp! geht die Maschinengewehrgarbe über mich fort, ich habe das Gefühl, als ob mir einer die Haare kämmt! Nun habe ich wieder Puste, hoch! Hartung und Steiling reißen mich in einen frischen Granattrichter, jetzt haben wir den Wall geschafft, wir sind im innern Werk! Fünf Mann hoch ! Noch ein Franz wird gefangen, er kam pfeifend aus der Tiefe. Nun kommen mehr 24er, Namen, was sind Namen und Gesichter in diesem Augenblick! Wir steigen in die Tiefe, da ist auch der Voigt mit seinen Pionieren! Alle Drähte, die vorhanden sind, durchschneiden ! Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Der stürmende 24er ergoß sich in die einzelnen Räume des Forts. Ich bestimmte eine Befehlsstelle, sammelte eine Stoßreserve, verteilte die verantwortlichen Führer und Verteidigungskräfte, wies einen Raum an für Gefangene. Nur durch rücksichtsloseste Grobheit war in dem Durcheinander Klarheit zu schaffen.
„Herr Hauptmann, ich hole jetzt den Leutnant Neumann!“
„Nein Hartung, Sie bleiben hier und warten ab bis es dunkel wird, da liegt immer noch Maschinengewehrfeuer und es soll nicht noch einer dort fallen!“
„Stabsarzt Bollert zur Stelle mit einem Sanitätsunteroffizier und sechs Krankenträgern!“
Er war wieder da, wo seine Kämpfer waren!
„Nehmen Sie bitte den Raum dort, da sind Betten und es ist hell!“
Wo ist Hartung? Da bringen sie ihn mir an! Er mußte den Leutnant holen, sein treues Gefühl konnte ihn nicht liegen lassen! Nun liegen sie beide nebeneinander, hoffnungslos! Die Trümmer des Fort Douaumont im Kehlgraben sind ihr Ehrendenkmal! Sie ruhen unter einer Zeltbahn, der Bayer und der Berliner, der Mann und Offizier, ganze Kerle alle beide! Wohl ihnen, sie starben im Siegesgefühl, während wir leben müssen! Sie starben in Pflicht für Kaiser und Reich! Wir, ja so, wir sind ja auf Douaumont!
Während sich dies alles am und im Fort abspielte, hatte die 8. Kompagnie einen schweren Stand. Eingeschwenkt nach dem Dorf Douaumont hatte sie heftige Gegenangriffe abgeschlagen bis die 12er heran waren. Oberleutnant von Brandis hat dies meisterhaft geschildert im Buch „Die Stürmer von Douaumont“, Scherl-Verlag-Berlin. Wer es noch nicht besitzt, kaufe es sich. Es ist herzerfrischend geschrieben. Sucht Erholung an diesem Buch, Ihr müden Frauen und Männer des Deutschen Vaterlandes. „Fernsprechtrupp 5. Kompagnie zur Stelle; ich habe an die 7. Kompagnie angeschlossen, wir bringen Verbindung mit dem Bataillon !“
„Famos, Unteroffizier Foth! Feines Hotel hier, was? Beinahe wie in Ihrem Adlon; na, wenn wir mal in Berlin sind, muß Ihr hoher Chef eine Pulle extra trocken herausrücken; vorläufig nehmen Sie mal einen Schluck aus der Feldflasche hier: Kaffe mit Rum, besser wie ein Blindgänger ins rechte Auge!“
Aber ich konnte mich doch verständigen mit meinem Bataillonskommandeur. Er kommt mit allen verfügbaren Kräften nach! Inzwischen war Brandis hereingekommen und nahm mir einen Teil der Kampforganisation ab. Langsam kam Klarheit in die Masse. Oberleutnant v. Brandis begab sich darauf zum Regimentsstab, um für Nachschub an Munition, Maschinengewehren und Leuchtpatronen zu sorgen, sowie endlich eine Abdrehung der Artillerie zu erreichen.. Die verschiedentliche Versuche eines Gegenangriffs seitens der Franzosen scheiterten an der Aufmerksamkeit unserer Wallbesatzunge. Dem inzwischen eingetroffenen Bataillonskommandeur konnte ich schon leidliche Verhältnisse übergeben.
Eine grenzenlose Freude herrschte beim ganzen Regiment und namentlich in unsern Reihen. Die vorderste Linie hatte eigenem Entschluß, den Augenblick erkennend und in voller Verantwortungsfreudigkeit, durch eigenes schweres Feuer hindurch, ein noch nicht sturmreifes Fort genommen.
Der Erfolg des Tages wurde im Heeresbericht durch Nennung unseres Regiments bekannt gegeben. Seine Majestät der Kaiser und König verlieh dem Regiment zwei Orden le Mérite. deren Träger Oberleutnant von Brandis und ich wurden.
Die Kämpfer vor Verdun haben sich würdig erwiesen der Sieger von Düppel und Vionville, der Streiter von 1914. Die Nachfolger der Jahre 1916, 17 und 18 bis zum letzten Gefechtstag am 7. November 1918 bei Elouges in Belgien, nicht weit von Jemappes, dem ersten Gefechtsfeld des Regiments 1914, sie haben den Ruhm des Regiments hochgehalten und wahrgemacht das Wort des Feldmarschalls Blücher: „Das Regiment 24 hat nur einen Fehler es ist zu brav !“
Verdun 1916 – Zwischen Forges und Cumirès
März 15, 2008Wir kannten dies Gelände nur zu wohl, diese windige Ecke des Maastales vor Verdun, kannten sie vom Kartenlesen her auswendig wie ein Gedicht in Prosa, dessen harte und ungefüge Strophen sich dem Gedächtnisse merkwürdig sicher eingeprägt haben. Wir kannten nicht nur das Gelände, wir sahen auch das Land vor uns. Die schläfrige Maas zwischen Weiden- und Erlenbüschen im weiten Wiesental, den dichten Forgeswald, das Dorf davor in flacher Mulde, die kahle Bodenwelle 265 mit den verlorenen viereckigen Wäldchen, den Gänserücken, der hinüberführt zum Cumières- und Rabenwald. Dicht dahinter die nackte Kuppe des Toten Mannes. Das alles hatte ich klar im Kopfe, vom Februar und März her schon, wo der Abschnitt Toter Mann – Béthincourt – Forges die heißere Zone des Riesenfeuers um Verdun war. Dann gab es am 21. Mai, nachdem der Sack von Malancourt endlich abgeschnürt war, einen kräftigen Ruck nach vorn am Süd- und Westhang des Toten Mannes, bereits am 23. nahmen die Thüringer das Dorf Cumières im Sturm, und am 29. gingen unsere Sturmtruppen über das Cauretteswäldchen hinaus und standen auf der Höhe vor Chattancourt. Die Frontlinie von Cumières bis zum Walde von Avocourt war gewonnen.
Welch eine Reihe von Kampftagen seit jenem denkwürdigen 6. März, da die deutsche Welle hier zum erstenmal in Fluß kam. Wie mochte es in Forges und Cumières und dazwischen aussehen? Ein Besuch bei der hessisch- thüringischen Division, die hier ein volles Vierteljahr in vorderster Linie am Kampfe teilgenommen hatte, brachte mir Klarheit darüber.
Wir überschritten das Bahngeleise unweit der Stelle, die vordem die vorderste deutsche Stellung gewesen war. Einen guten Kilometer vorwärts kroch der kleine Forgesbach unter dem Bahndamm durch, und hier hatten die Franzosen ein Feldwerk mit Maschinengewehren eingebaut. Sie bestrichen die Wiesen, das Geleise und die Straße daneben – wer wollte dagegen an? Wer? Ein Panzerzug, der zehn Minuten vor Beginn des Sturmes auf neu hergestelltem Geleise vorfuhr, dicht vor dem Feldwerk das Feuer eröffnete und die französische Besatzung gefangen fortführte, ehe man in Forges noch genau wußte , um was es sich eigentlich handelte.
Das Dorf hatten die Franzosen mit aller Kunst befestig. Die Häuser stehen heute noch zum großen Teil, obwohl zerschossen und verbrannt genug. Die Keller waren fest verrammelt, und auf den Gassen standen mächtige Hindernisse aus Sandfässern, Hausrat und Steinen. Sie haben den Sturmlauf nicht aufhalten können. Es ging noch am selben Tage weit auf die Höhe hinauf, und kurz nach sechs Uhr abends war Punkt 265 im Besitz der Deutschen. Eine schneidige Feldbatterie galoppierte über die wacklige Brücke des angestauten Forgesbaches und unterstützte aus nächster Nähe den Angriff auf den Rabenwald im Westen.
Es schneite, und es war bitter kalt. Die Leute hatten sich eingebuddelt, lagen in der Nässe, nur mit ihrem Sturmgepäck versehen, erhielten während der Nacht nichts Warmes zu essen, erwarteten ungeduldig, froststarrend den Morgen. Der kam und brachte ein wildes Trommelfeuer von Freund und Feind. Diese verwünschten Ballonbeobachter dort über dem Bourruswald und bei Montzéville. Aber die deutschen Haubitzen und Mörser machten ganze Arbeit in dem Rabenwald da vorn, sie schossen rechtwinklig und konzentrisch in das vielverschlungene zerfurchte Gelände. Als die Bataillone mittags zwölf Uhr aus ihren Erdlöchern sprangen, fanden die Franzosen trotz ihrer rasch herangeholten Verstärkungen keine Zeit und Besinnung mehr zu dauerndem Widerstand. Sie wurden überrannt, abgetrennt, gefangen. Ihre Kanoniere wehrten sich besonders tapfer. Da stand im Cumièreswald verborgen ein langes Marinegeschütz fest eingebaut, das hielten sie bis zum letzten Mann. Drunten in Cumières retteten sie eine fahrende Batterie nach rückwärts, aber unterwegs gingen sie immer wieder in Stellung und schossen, soviel sie konnten.
Mit Ausnahme der Westecke des Rabenwaldes waren beide Gehölze am Abend besetzt, aber von einer „Stellung“ konnte noch keine Rede sein. Es dauerte bis zum 10. März, ehe alle „Nester“ geräumt waren. Bis dahin schoben sich französische und deutsche Postierungen, Wachen und Abteilungen durcheinander, und zumal bei Dunkelheit waren Verirrungen häufig. Der Feind warf nach und nach zwei neue Regimenter in den noch von ihm gehaltenen Waldzipfel hinein, darunter das Regiment 92, das der Elsässer Oberst Macker auf
Kraftwagen aus den Argonnen herangeführt hatte. Der Oberst fiel im Kampf und die meisten seiner Leute mit ihm. Die letzten Worte seines Tagebuches waren : „Wir haben nur noch Trümmer vom Regiment . . .“ Die Franzosen glaubten gegen eine gewaltige Übermacht zu kämpfen. Sie wollten es gar nicht glauben, so erzählten mir die Offiziere des thüringischen Reserveregiments, daß sie nur die längst gefechtstätigen Reserven der einen Division vor sich hatten. Sie wehrten sich in dem dichten Gestrüpp mit Handgranaten bis zuletzt, und hoben dann die Hände hoch. „Am liebsten,“ erzählte ein deutscher Soldat, „hätten wir sie totgeschlagen, aber dann brachten wir´s doch nicht übers Herz“. Die Franzosen machten verzweifelte Gegenstöße von Chattancourt und vom „Toten Mann“ her, bis zum 11. abends fünfmal in dichten Mengen. Ihre Verwundeten und Toten lagen reihenweise. Die deutsche Artillerie ließ den Sanitätern großmütig zwei Tage lang Zeit, das Feld abzusuchen, ohne sie zu behelligen. Schwieriger war diese Arbeit bei den Deutschen in den zerschossenen Gehölzen. Geknickte Baumkronen , Granattrichter und halbverschüttete Gräben erschwerten diese Arbeit; man nahm Sanitätshunde zu Hilfe, aber die Tiere versagten in dem ununterbrochenen Geschützfeuer. Hier konnte nur der beherzte Wille des Menschen die halb Verschütteten und Versteckten bergen.
Nun folgten lange Wochen, in denen das Errungene zäh verteidigt werden mußte. Die Front stand gegen Süden, gegen die Caurettesmulde mit dem Wäldchen und gegen Cumières. In Baugruben und betonierten Blockhäusern hatten die Franzosen sich hier eingenistet, sie schanzten unaufhörlich Nacht für Nacht, ganze Brigaden waren an der Arbeit, und das Gestein des Berges dröhnte. Tag und Nacht splitterten die Granaten im Walde. Der Frühling kam, aber die zerfetzten Bäume trieben keine Blätter. Die Maikäfer kamen, sie schlüpften zu unzählbaren Tausenden aus und führten erbitterte Kämpfe um das spärliche junge Laub. Dann schwirrten sie hungrig ab, in bessere Gefilde. Die Kämpfer in ihren Gräben aber hielten aus. Als am 20. Mai die deutschen Stellungen an dem Süd- und Westhang des „Toten Mannes“ vorgeschoben wurden, hatte auch die Stunde für Cumières geschlagen. Am 22. begann die Artillerie vorzubereiten; sie schoß auch den ganzen 23. Mai hindurch , und am 24. früh halb vier Uhr ging die erste Sturmwelle nord-südlich vom Gänserücken aus gegen das Dorf, während gleichzeitig Jäger an der Bahn entlang über die Wiesen vorbrachen und Teile von Osten her über die Maas setzten. Der Sturm ging glatt durch bis an den Südrand des Dorfes.
Aber wo war eigentlich das Dorf geblieben? Kein Hans, keine Mauer, kein Stein mehr auf dem anderen. Ich stand acht Tage später vor dieser Zerstörung, die so gründlich war, wie ich vorher kaum eine gesehen hatte. Was die deutschen Batterien etwa noch verschont hatten, das machten im Laufe der nächsten fünf Tage die französischen Granaten dem Boden gleich. In den Kellern, aus denen man kurz vorher die halbverschütteten Franzosen mit ihren Maschinengewehren herausgeholt hatte, lagen nun 300 Mann Deutsche unter dem Führer der Sturmabteilungen, dem Hauptmann Willke; diese kleine Heldenschar hielt unter der schwersten Beschießung und trotz heftiger Angriffe stand, fast ohne Verbindung nach rückwärts, abgeschlossen wie auf einer Insel, bis die ganze Caurettesstellung von der aus die Flanke der deutschen Truppen unter Feuer gehalten wurde, am 29. Mai ebenfalls in den Besitz der Deutschen überging. Es war ein Trommelfeuer, durch das man nur „mit aufgespanntem Regenschirm“ gehen konnte. Bei einem der französischen Rückstöße ereignete es sich übrigens, was früher schon einmal am „Toten Mann“ vorgekommen war: 40 gefangene Franzosen werden abgeführt. Die sechs Mann der Begleitung haben in der Hitze des Gefechts die Gefangenen nicht ganz genau nach Waffen durchsucht und werden plötzlich mit Handgranaten überfallen und niedergemacht. Die Franzosen sind dann weggelaufen; weit dürften sie aber nicht gekommen sein.
In der Caurettesmulde fühlte sich der Feind trotz seiner bombensicheren Unterstände immerhin doch so ungemütlich, daß sich noch vor dem Beginn des Sturmes eine ganz stattliche Anzahl Überläufer einfanden. Als dann die schweren Minen in die französischen Reihen schlugen, war die Widerstandskraft erschüttert. 3 Offiziere, 75 Mann gaben sich gefangen; sie erklärten, der Rest ihrer Kompanie sei vernichtet, und meinten, sie könnten diesen „Terrible des mines“ nicht aushalten. Am Abend des 29. Mai wurde binnen 15 Minuten die Mulde gestürmt und die Beule zwischen Cumières und „Toter Mann“ eingedrückt. Gern wäre die Sturmtruppe auch noch weiter vor bis nach Chattancourt gestoßen, das so verlockend nahe vor ihnen lag. Einen hübschen Zwischenfall aus dem Rabenwald erzählte man mir. Da lagen unsere armen Leute oben, hatten kein Wasser, aber großen Durst nach dem heißen Kampf, und alles erwartete die Dunkelheit. Aber da gehe mal einer im Dunkeln den rechten Weg zur Wasserstelle. Oder bis zu den Feldküchen zurück, die kilometerweit irgendwo hinten stehen. Für solche wichtigen Gänge konnte man nur die besten und findigsten Leute brauchen. Einer von ihnen marschierte mit Kochkesseln und Feldflaschen beladen ab, suchte lange, fand endlich unten an der Maas die Quelle und stapfte mit den gefüllten Behältern zufrieden wieder durch die Granatlöcher und über die Toten zurück. Dabei verirrte er sich und stand plötzlich vor sechs Franzosen, die hurtig auf ihn anschlugen. Was, abschießen wollen sie ihn! Wütend schwing er seine klappernden Kochgeschirre hoch und schrie „Hupp!“ Die Franzosen meinten schon die Handgranaten bersten zu hören, warfen die Gewehre weg und riefen: „Pardon.“ Freundlich lächelnd ging der Wackere auf sie zu, drückte den Verblüfften die Kochgeschirre und Feldflaschen in die Hand, nahm ihnen die Seitengewehre ab, belud sich mit den sechs Franzosenflinten und kommandierte : „Allons, marsch.“ Als Wasserträger war er fortgegangen, als Held kam er zu seiner Kompanie zurück.
Von Eugen Kalkschmidt, Kriegsberichterstatter.
