„Auf den Süd- und Südwesthängen des Toten Mannes wurden nach geschickter Artillerievorbereitung unsere Linien vorgeschoben, 31 Offiziere, 1315 Mann wurden als Gefangene eingebracht, 16 M.G. und 8 Geschütze sind außer anderem Material erbeutet. Ein feindlicher Gegenstoß blieb ergebnislos.“
Wer in der Heimat mag beim Lesen dieses nüchternen Heeresberichts vom 21. Mai 1916 etwas anderes empfunden haben als vielleicht Freude über den neuen deutschen Erfolg, an etwas anderes gedacht haben als an die Verluste, die dieser Angriff gekostet haben mag und auf etwas anderes gehofft haben als auf ein weiteres Fortschreiten auf diesem Wege zum siegreichen Ende! Wem mag vor die Seele getreten sein das volle, mannigfaltige Bild aller der Kräfte und Leidenschaften, die zu diesem Siege zusammenwirkten: restlose Hingabe jedes Einzelnen, todesmutiger Heldensinn der Stürmenden, ruhiges Ertragen aller Entbehrungen und Anstrengungen, Überwinden von Schrecken und Trauer, treue Pflichterfüllung bis ins Kleinste und heilige Vaterlandsliebe bis in den Tod, seine Vorbereitungsarbeit Tage und Nächte hindurch, gewissenhafte Ausarbeitung aller Maßnahmen vom entscheidenden taktischen Entschluß hinab zur Ausstattung mit Drahtschere und Seltersflasche – Treue und Vertrauen vom Führer zum Mann und vom Mann zum Führer.
Seit Mitte April lag unsere Division in den erst jüngst gewonnenen Stellungen am Toten Mann, wenn man der dürftigen Grabenanlage überhaupt den Namen „Stellung“ zuerkennen will. Ein einfacher Graben, nur manchmal mit einer Sappe, ganz selten mit vorgeschobenen Grabenstückchen versehen, schlängelte sich am Nordrand des Höhenzuges „Toter Mann“ entlang nahe den französischen Stellungen, die den Südrand säumten. Das Drahthindernis vor der Front war durch gelegentliche spanische Reiter angedeutet; Deckung gegen das oft mörderische feindliche Artilleriefeuer boten kleine Erdhöhlen in der vorderen Grabenwand. Ganz seltene Stollenanlagen konnten nur wenigen Schutz gewähren.
Das Schlimmste aber waren die Anmarschwege! Im Norden begrenzte der Forgesbach und die ihn streckenweise begleitenden sumpfigen Wiesen den Toten Mann. Die wenigen Übergangsmögichkeiten kennt der Franzose und belegt sie planmäßig mit schweren Feuerüberfällen. Da heißt es dann im Marsch-Marsch in der schweren Graben-Ausrüstung oder mit Drahtrollen und spanischen Reitern, mit Munition oder sonstigem Material oder mit den Verwundeten auf der Trage oder in der Zeltbahn, rasch Deckung suchend, in den nächsten Granattrichter springen oder den glitscherig-sumpfigen Fußpfad hinab und hinauf, und über den schwankenden Steg hinweg mitunter noch unter dem lästigen Schutz der aufgesetzten Gasmaske. Hut ab vor den Meldern, die oft mehrere Male bei Tag und bei Nacht diesen Höllensumpf des Forgesbaches in todesmutiger Unerschrockenheit überwanden, vor den Fernsprechmannschaften, die in eiserner Pflichttreue wieder und wieder den zerschossenen Telephondraht flickten und vor den Krankenträgern und Hilfs-Krankenträgern (Regimentsmusikern), die allnächtlich den schweren Gang nach vorn antraten, um ihren verwundeten Kameraden zu helfen und sie zu den Hauptverbandplätzen zurückzutragen.
Wohl einen Jeden packte hier einmal das Verlangen aus dieser Windecke herauszukommen. Da tauchten Anfang Mai zum erstenmal Gerüchte auf, daß durch einen großangelegten Angriff der Tote Mann ganz in unsere Hand gebracht und damit unsere Stellung ganz wesentlich verbessert werden sollte. Mit Freuden wurden sie geglaubt und verbreitet. Auch die letzten Zweifel schwanden, als die zum Sturm bestimmten Bataillone zurückgezogen und für den Angriff besonders vorbereitet wurden. Da lernten wir über Draht-Hindernisse, die unseren kleineren Unternehmungen nur zu oft vor den französischen Stellungen einen Halt geboten hatten, hinweggehen, bis Drahthindernisse keine Hindernisse mehr für uns waren. Da wurden Handgranaten geworfen, Flammenwerfer eingeübt und vorgeführt, der Angriff selbst mit Führern und Unterführern bis ins Kleinste besprochen und festgelegt. Die Artillerie schoß sich ein und versah sich mit Munition aller Art, die in Stellung befindlichen Bataillone schanzten und schanzten und schufen Bereitstellungsgräben, Deckungen, Annäherungswege; selbst eine Teeküche wurde auf dem Nordhang des Toten Mannes eingebaut, um später den Stürmenden rechtzeitig Erfrischung nachschicken zu können
Der letzte Tag der Ruhe kommt, der letzte Tag vor dem Einrücken in die Stellung, vor dem Sturm, für manchen der letzte Tag seines jungen Lebens. Das III. Bataillon des Reserve-Infanterie-Regiments 201 hat es sich nicht nehmen lassen, in feierlichem Gottesdienst und in gemeinsamem Gebet die Waffen weihen zu lassen. Der ernsten Feier folgt ein fröhlicher Ausmarsch: Die Regiments-Musik begleitet die einzelnen Kompagnien auf ihrem Wege in die Stellung und trägt zu der zuversichtlichen Siegesstimmung bei. Endlich ist alles vorn,
glücklicherweise sind keine Verluste eingetreten. Es beginnt das Artillerie-Konzert.
Stundenlang schleudern unsere Kanonen ihre verderbenbringenden Geschosse auf die feindlichen Stellungen. Man kann nichts sehen, alles liegt in Rauch und Staub gehüllt. Eine kurze Atempause, und erneut bricht der Orkan los. In immer schnellerer Reihenfolge folgt Schuß auf Schuß, immer dichter rückt die an den rückwärtigen feindlichen Stellungen begonnene Feuerwalze zu uns heran, um den feindlichen Verteidigern, nachdem ihnen die rückwärtigen Unterschlüpfe zerschlagen sind, vorn den Garaus zu machen, dann schlagartig zurückzuspringen und den Stürmenden freie Bahn zu lassen. Inzwischen ist bei uns alles nach vorn aufgeschlossen, die Stäbe sind vorgeeilt, alles steht bereit; da! 3 Uhr nachmittags schlägt die
erlösende Stunde. Die ersten Wellen springen auf und stürzen sich auf die feindlichen Stellungen, die anderen Wellen folgen dicht auf.
Nicht überall geht es glatt vorwärts. Auf der eigentlichen Kuppe des Toten Mannes ist der vorderste feindliche Graben von unserem Artillerie-Feuer nicht gefaßt worden. Der Franzose hat sich dorthin geflüchtet und empfängt dichtgedrängt unsere Stürmer mit verheerendem Feuer. Gleichzeitig explodiert hier ein Flammenwerfer durch eine feindliche Handgranate; mit schweren Brandwunden bricht der Träger zusammen, Qualm und Rauch schlagen zu uns zurück. Es stockt. Rasch heißt es hier den feindlichen Widerstand brechen, daß er nicht erst neue Kraft und neuen Mut findet. Ein Kompagnieführer erbittet die Erlaubnis, seine Kompagnie in die Sturmausgangstellung zurücknehmen und von dort neu ansetzen zu dürfen. Er will gewissermaßen neuen Anlauf nehmen. Aber Eile tut not. Es wird ihm abgeschlagen. Denn schon ist ein Reserveflammenwerfer vorgeholt und angesetzt, seine Wirkung soll ausgenutzt werden. Es braucht nicht erst befohlen zu werden: Kaum sehen unsere Leute den Feuerstrahl hinüberdringen, als sie sich von selbst mit neuem Hurra auf den Franzosen stürzen. Er erschrickt, hebt die Hände und ergibt sich. Hunderte strömen entwaffnet zu uns herüber, der gefährliche Widerstand ist siegreich gebrochen. Nun gibt es kein Halten mehr. Rastlos geht es weiter, weiter bis zur befohlenen Linie am Süd-Abhang. Wenige Teile, die darüber hinausprellen, können rechtzeitig angehalten werden, daß sie nicht in unser eigenes Gas hineinlaufen, mit dem wir die französischen rückwärtigen Stellungen bedacht haben. Das Ziel ist erreicht, schwere Arbeit ist geleistet. Aber noch heißt es nicht ruhen. Das Gewonnene muß gehalten werden. Schnell ordnen die Führer die durcheinander gekommenen Abteilungen; neue Verbände werden geschaffen. Dann heißt es: „Spaten heraus“, „Eingraben“. Es gilt das Leben. Denn bald werden die ersten feindlichen Granaten uns die Unzufriedenheit der Franzosen mit unserem Vorgehen zum Ausdruck bringen wollen. Dann werden sie vielleicht bald selbst kommen, um uns den Toten Mann wieder zu entreißen. Aber sie sollen uns gerüstet finden. Die bald einbrechende Dunkelheit ist uns günstig, die Angriffszeit war also gut gewählt . Der Franzose weiß noch nicht, wo wir sind, und wenn er uns morgen früh, wenn es wieder hell wird, sucht, dann sind wir längst tief in der Erde. Mit bewundernswerter Schnelligkeit werden die Granattrichter ausgebaut, vertieft und miteinander verbunden und schon vor Mitternacht ist ein mannstiefer Graben fertig. So ist wenigstens etwas Deckung vorhanden, als der Franzose am nächsten Morgen seine Geschosse auf den Südabhang des Toten Mannes niederprasseln läßt und durch seine Flieger uns aufstöbern will. Noch immer kann er es sich nicht denken, daß wir nicht einfach in seine alten Gräben gezogen sind. So belohnt sich unsere Mehrarbeit, auf der die Führer bestanden, als eine neue Stellung weiter vorwärts ausgehoben werden mußte. Denn das Hauptfeuer der feindlichen Artillerie vereinigt sich immer wieder auf der alten französischen Stellung und wir bekommen nur die Spritzer ab, freilich leider noch immer zu viele. Auch die infanteristischen Angriffe des Feindes sind erfolglos und matt, viel Reserven scheint er nicht mehr zu haben, auch scheinen sie unsere nähere Bekanntschaft seit gestern zu scheuen und das Zeichen, daß wir noch da sind, bringt sie frühzeitig zur Umkehr. So kann, was am 21. Mai genommen ward, am 22. abends der ablösenden Truppe als fester Besitz übergeben werden und als Sieger verlassen die Stürmer vom Toten Mann am 23. früh das Schlachtfeld.
„Auf den Süd- und Südwesthängen des Toten Mannes wurden nach geschickter Artillerie-Vorbereitung unsere Linien vorgeschoben.“ Noch einmal soll der Heeresbericht an unser Ohr klingen. Aus der altpreußischen Einfachheit, die nur die Tatsache des Erfolges bucht, tönt aber jetzt auch all das Heldentum, aller Fleiß und alle Arbeit, Mut und Tapferkeit, Treue und Vaterlandsliebe heraus, die unsere tapferen Truppen – Führer und Mann - in dem ungeheuren Ringen des Weltkrieges zu ihren unvergleichlichen Erfolgen befähigt haben.
Schlagworte: 1. Weltkrieg, 1916, Verdun