Erlebnisbericht eines Frontsoldaten vor Verdun

By weltkrieg

Am 21. Februar 1916, vormittags um 8:12 Uhr, wurde das deutsche Schicksal vor Verdun mit dem ersten Artillerieschuß donnernd eingeläutet, neun Stunden lang mit dem ungeheuer tobenden Gehämmer riesiger Glocken und Klöppel aus Schuß und Sprengung. Um 5 Uhr des Nachmittags desselben Tages brach die vordere Sturmwelle der Infanterie gegen die französische Stellung vor. Ende August 1916 stellte die neue deutsche Heeresleitung unter Hindenburg und Ludendorff den Angriff auf die Festung ein. Ende Dezember 1916 beschlossen die Franzosen die Schlacht um Verdun damit, daß sie die Mitte der vorgeschobenen deutschen Stellung in die Linie Louvemont-Bezonvaux zurückdrängten. Das Schicksal hatte sich nach der Marneschlacht zum zweiten Mal erfüllt, wie es sich im Juli 1918 am Walde von Villers-Cotterets zum dritten Mal erfüllte. Jedesmal war es Frankreich und jedesmal war es die Marne und die Landschaft um Verdun.
Hüben und drüben errichtete das Schicksal seine symbolhaft glühenden Zeichen, ohne die es nie vorüberzugehen pflegt. Diese düsteren Male weltgeschichtlicher Magie verkörpern sich für beide Nationen in den Panzerforts von Douaumont und Vaux. Voll tiefer Bedeutung für Frankreich war die „Kette des Todes“, die Zerschrottung und Ablösung der Divisionen, jenes unablässig rollende Schöpfrad, das alle französischen Fronttruppen nacheinander erbarmungslos durch die Schädelstätten von Verdun schleifte und sie das höchste und über das Menschliche erhabenste Gebot der Nation kennen und befolgen lehrte: den Opfertod für die Nation. Alle diese Divisionen kamen frisch, rasch und zahlreich die einzige Anmarschstraße Verduns entlang, die Straße Bar le Duc-Souilly-Verdun, und sie schlichen denselben Weg zurück, dezimiert, zerbrochen, fahl, mit versunkenen Augen, die das Grauen der Unterwelt geschaut hatten, mit bebenden Lippen, mit schlaffen Wangen ohne Blut, schaudernd
bis ins Mark der zermorschten Knochen. Keine konnte einen andern Weg gehen oder kommen als diesen, und das immer wache nationale Geschichtsgefühl Frankreichs nannte diese Straße seitdem den „Heiligen Weg“, Auch der deutsche Frontsoldat wird diesem Namen nicht seine schweigende Zustimmung versagen; er hat die Divisionen kennen gelernt, die diesen Weg gezogen sind.
Von Ornes bis zum Douaumont betrug die Luftentfernung vier Kilometer, Wer diesen Weg zu gehen hatte, brauchte drei Stunden dazu. Er lief, er sprang, er fiel in wassergefüllte Trichter, er wartete lang liegend in schlammigen Grabenresten, er berechnete die wahrscheinliche Dauer des Feuerüberfalls in der Mulde vor ihm, er raste, stolperte, kroch auf allen Vieren, er ging verzweifelt langsam Schritt vor Schritt, weil er im Morast nicht anders vorwärts kam, erhaben gleichgültig gegen die Beschießung, die jeden Augenblick einsetzen konnte. Die Geschosse aller Kaliber wanderten und flitzten über seinen Kopf weg; sie rauschten hoch unter den rieselnden Wolken, weit ins Hintergelände, sie fuhren mit heiserem Zischen hart neben ihm in eine Bereitschaftsstellung, sie barsten fern mit unterdrücktem Bumsen, sie explodierten zerreißend laut hinter ihm, wo er vor drei Minuten noch entlang gestiefelt war. Keine Schlucht, die nicht unter Feuer lag, kein Bach, kein Hang, keine Höhe, kein Hausrest, kein Graben, die nicht von Einschlägen wirbelten. Und über alles fiel endlos, unaufhörlich der Regen, Tag und Nacht, eintöniger Regen, der alles in Schlamm und Erdsumpf verwandelte. Der Körper überzog sich mit schleimigem Schmutz, die Uniform war ein Krustenpanzer aus Lehm, Dazwischen schlug das Feuer, das mit dem Wasser aus den Wolken stürzte. Aus den Flanken fuhr das Zischen seitlich eingebauter Maschinengewehre, eine knarrende Säge, die blitzschnell zuhieb aus dem Verborgenen.
Ablösende Bataillone, die nach vorn gingen, sahen vom Höhenrücken die nächste Mulde vor ihnen im Sperrfeuer liegen, eine einzige Qualmwolke der Beschießung, erblickten ein Dutzend feindlicher Flieger in geringer Höhe lauernd, starrten auf zwanzig französische Fesselballons. Einzeln, in Haufen, hintereinander setzen sie sich in Bewegung. Jeder hat mit dem Leben abgeschlossen. Drei erhalten sogleich die Bestätigung. Eine Granate schlägt unter sie und zerfetzt sie. Körper und Gewehre fliegen umher. Einer wird verschüttet und ausgegraben. Er rennt schreiend mit einem Nervenschock umher.
Wege gibt es nicht. Der Hang ist ein Sieb von nassen Granatlöchein, die höllisch aus hintreibenden Rauchschwaden auftauchen. Plötzlich ist das Sperrfeuer mitten unter ihnen. Überall hauen Granaten ein. Die Luft strudelt glühend von eisernen Schlägen. Die Erdmassen geraten in Fluß und verschieben sich unter den hastenden Füßen. Durch! Halb im Lehmbrei versunkene Tote liegen umher neben Kochgeschirren und Gewehren. Gestank erhebt sich und wird von ununterbrochenen Einschlägen aufgerührt wie eine träge Grundsuppe. Verbogene Maschinengewehre hocken über Leichen wie gespenstische Insekten, die blutsaugerisch in diesem fürchterlich brodelnden Kessel zum Leben erwachen.
Drüben die Höhe ist der Zielpunkt. Dort wartet das Regiment auf Ablösung. Die Soldaten dort sind vollkommen erschöpft. Sie können nicht mehr. Sie gieren nach Ablösung. Todmüde erreicht die Truppe den letzten Hang. Zu den Leichen in der Mulde sind neue hinzugekommen. Zwei Unteroffiziere, ein Offizier und fünfzehn Mann sind da unten liegen geblieben.
Die Stellung des abgelösten Regiments ist ein flacher, vom Regen zerfallener und von Granaten zerschlagener Graben, der keinerlei Schutz bietet. Hier und dort geht er in regellose Trichter über, die sich im Lauf des Tages ständig verschieben. Der Wald ist verschwunden. Überall liegen Tote, Helme, Koppel, Gasmasken, Patronenhülsen, Brotbeutel, Munitionskästen, Spaten.
Die Luft ist voll Gestank und Brausen der Granaten und Artillerieschüssen. Das Feuer steigert sich zum Trommelfeuer beider Artillerien. Wahnsinniger Lärm stürzt überall hervor mit Rauchsäulen, Schrei der Getroffenen. Regen fällt dazwischen. Erde rutscht breit herunter. Rechts greift der Franzose an.
Maschinengewehre rasseln. Handgranaten bullern dumpfprallend herüber. Tausende von Geschützen feuern aus allen Schluchten, Ein Knäuel von Vernichtungs-, Sperr- und Abwehrfeuer verschlingt sich und wälzt sich über dem gesamten Gelände. Es regnet unablässig. Das Feuer birst in die eignen Reihen. Ein heulender Volltreffer schmeißt vier Mann durcheinander. Zwei Soldaten werden von Erdmassen zugewälzt wie von Tonnen. Einer schreit gellend laut. Von links rasieren Maschinengewehrschüsse die Stellung ab. Einer sackt mit Kopfschuß ab und fällt mir schwer auf den Arm. „Ach – “ sagt er nur, und dann ist er tot. Sausend fahrt eine Leuchtkugel hoch. Rechts von uns ist der Regenhimmel erfüllt von roten und gelben Lichtbögen, die zittern und tanzen. Manche Soldaten rennen geduckt seitwärts, andre kriechen nach vorn. Die Züge und Kompagnien kommen durcheinander. Dicke Qualmschwaden wälzen sich umher, aus denen ein unaufhörlicher Donner hervorbricht. Ein Flammenwerfer explodiert plötzlich. Eine fressende Lohe schlägt hoch und schleudert einen fetten, rußschwarzen Rauch. Schwarzes Öl fließt aus und verbreitet sich in einem Grabenstück. Unmittelbar danach geht eine geballte Handgranatenladung hoch. Der Luftdruck wirft mich beiseite und hebt den Toten neben mir hoch. Splitter und Lehmbrocken prasseln. Der Regen fallt unentwegt. Der Ausblick ist verschleiert von Nebel, Explosionsrauch, Qualm des Flammöls. Wir können uns nicht rühren. Tun wir es dennoch und erheben uns, dann zuckt von links Maschinengewehrfeuer in unsre Reihen. Fünf Soldaten haben wir dadurch schon verloren. Die Kompagnien sind völlig durcheinander. Pioniere liegen mit einem Male zwischen uns. Wir liegen zwischen Toten, Verwundeten, Sterbenden, Verschütteten. Mein Kinn blutet .Ich fühle nichts. Hinter uns die Mulde kracht wie ein Eisgang. Aber es ist das Feuer. Wir sollten angreifen, entsinne ich mich. Aber ein Angriff ist unmöglich. Nach zehn Schritt wären wir alle abgeschossen. Von den sechzig Mann meiner Kompagnie leben vielleicht noch zwanzig. Ich weiß es nicht. Meldungen darüber kommen nicht durch. Ich weiß nicht, wo meine Soldaten jetzt liegen. Das Feuer zersprengt alles. Der Regen fällt dauernd. Die Trichter stehen kniehoch voll Wasser. Wir liegen bis zum Bauch darin. Das wahnsinnige Trommelfeuer macht uns zu Idioten. Wir liegen alle begraben in Qualm, Gestank, Wasser, Schlamm, Krach und Durst. Die Kehle klebt. Wir seihen das Lehmwasser, in dem Leichen liegen, durch Taschentücher und trinken die fahle Brühe. Wir füllen uns mit Wasser wie Schwämme, die aufquellen,
Das Feuer läßt nach. Ich krieche nach rechts zu meiner Kompagnie. Ich finde drei Unverwundete und sechzehn Tote und Röchelnde. Wo sind die andern? Das Feuer beginnt wieder. Es schlägt herab wie eine Maschinenhalle voll Dampfhämmern. Ich liege auf dem Bauch und kann nichts mehr denken, nichts mehr fühlen. Ich bin nur ein Krampf. Wo steckt meine Kompagnie? Wo – steckt – meine – Kompagnie -? Vier Schritt vor mir setzt sich eine Granate auf einen Trichterrand und schleudert mir einen Lehmfladen ins Gesicht, daß ich zur Seite fliege. Mund und Augen sind total verkleistert. Das Wasser läuft mir in den Rockkragen. Vom Trichterrand löst sich ein großer Klumpen und klatscht zu mir ins Wasser. Ich krieche nach dem Nachtbartrichter. Da liegen schon zwei Mann, Pioniere. Maschinengewehrgeschosse zwitschern neben mir in den Schlamm.
„Wie kommt Ihr her“ frage ich.
„Das Feuer“, stammelt einer.
Ja, das Feuer. Es hört nicht auf. Es brennt weiter, eine höllische, unlöschbare Glut aus Klötzen und Blöcken von Brand.
„Herr Leutnant“, sagt der eine Pionier, schweigt und starrt mich an.
„Wir sollten schon lange angegriffen haben“, sage ich. „Aber das war nicht möglich.“
„Das Feuer“, stammelt der eine.
Ja, das Feuer. Und der Regen. Es regnet ununterbrochen. Ich starre vorsichtig zum Feind und sehe plötzlich – nein, das ist kein Irrtum. Da stehen mit einem Schlage nebelhaft Gestalten, die auf uns loskommen.
Jeden Augenblick kann ich getroffen werden. Warum bin ich nicht schon längst erledigt? Weshalb? Das Feuer springt zurück in die Mulde hinter uns. Der Rauch kriecht hin.
Und dann schreie ich den uralten Raubtierschrei der Front: „Sie kommen!“
Der Lehm wird lebendig, das gelbgraue Wasser bewegt sich. Geschöpfe lösen sich daraus los. Ich habe den Karabiner in der Hand und reiße den Sicherungsflügel herum.
Alles, was schießen kann, liegt am Graben- und Trichterrand und feuert. Maschinengewehre knattern los. Eine sprühende Lunte brennt quer durch das morastige Gelände. Die Franzosen stapfen in schwerfälligem Laufschritt wie große behinderte Vögel mit wehenden Mantelflügeln. Einige fallen hin wie gleitende Erdhaufen. Einer winkt rückwärts. Ich habe seine Brust in Kimme und Korn und ziehe ab. Er schnellt halb um seine Achse und legt sich langsam seitwärts, windschief, und sackt weg. Die andern laufen zurück. Der Regen verschlingt sie. Der Nebel deckt sie zu. Die acherontische Landschaft poltert hohl, als seien da unterirdische Räume voll stampfender Maschinen.
Die Schluchten donnern. Es regnet. Das Feuer beginnt von neuem. Von fern kommt der maßlose Krach eines Schusses herangewandert, ein über alle Berge springender Riese. Unsere 42er beschießen Fort Vaux.
Von den sechzig Soldaten meiner Kompagnie leben noch einunddreißig Mann. Die andern sind tot, verschüttet, vermißt und verwundet.
Wir liegen drei Tage lang auf diesem Höhenrücken. Während dieser drei Tage regnete es unaufhörlich, wurden wir fünf Mal angegriffen, machten wir ebensooft einen Gegenangriff und lagen wir ständig im Artilleriefeuer.
Warum blieben wir? Warum liefen wir nicht weg? Dies alles ging über Menschenkraft. Hunderttausende waren vor Verdun. Alle sind geblieben. Kaum einer ist weggelaufen. Warum? Wenn der Bürger des Friedens uns danach fragt, drehen wir ihm schweigend den Rücken. Wir selber wissen: das Schicksal wollte es, und wir müssen das wollen, was das Schicksal will.

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