Wir kannten dies Gelände nur zu wohl, diese windige Ecke des Maastales vor Verdun, kannten sie vom Kartenlesen her auswendig wie ein Gedicht in Prosa, dessen harte und ungefüge Strophen sich dem Gedächtnisse merkwürdig sicher eingeprägt haben. Wir kannten nicht nur das Gelände, wir sahen auch das Land vor uns. Die schläfrige Maas zwischen Weiden- und Erlenbüschen im weiten Wiesental, den dichten Forgeswald, das Dorf davor in flacher Mulde, die kahle Bodenwelle 265 mit den verlorenen viereckigen Wäldchen, den Gänserücken, der hinüberführt zum Cumières- und Rabenwald. Dicht dahinter die nackte Kuppe des Toten Mannes. Das alles hatte ich klar im Kopfe, vom Februar und März her schon, wo der Abschnitt Toter Mann – Béthincourt – Forges die heißere Zone des Riesenfeuers um Verdun war. Dann gab es am 21. Mai, nachdem der Sack von Malancourt endlich abgeschnürt war, einen kräftigen Ruck nach vorn am Süd- und Westhang des Toten Mannes, bereits am 23. nahmen die Thüringer das Dorf Cumières im Sturm, und am 29. gingen unsere Sturmtruppen über das Cauretteswäldchen hinaus und standen auf der Höhe vor Chattancourt. Die Frontlinie von Cumières bis zum Walde von Avocourt war gewonnen.
Welch eine Reihe von Kampftagen seit jenem denkwürdigen 6. März, da die deutsche Welle hier zum erstenmal in Fluß kam. Wie mochte es in Forges und Cumières und dazwischen aussehen? Ein Besuch bei der hessisch- thüringischen Division, die hier ein volles Vierteljahr in vorderster Linie am Kampfe teilgenommen hatte, brachte mir Klarheit darüber.
Wir überschritten das Bahngeleise unweit der Stelle, die vordem die vorderste deutsche Stellung gewesen war. Einen guten Kilometer vorwärts kroch der kleine Forgesbach unter dem Bahndamm durch, und hier hatten die Franzosen ein Feldwerk mit Maschinengewehren eingebaut. Sie bestrichen die Wiesen, das Geleise und die Straße daneben – wer wollte dagegen an? Wer? Ein Panzerzug, der zehn Minuten vor Beginn des Sturmes auf neu hergestelltem Geleise vorfuhr, dicht vor dem Feldwerk das Feuer eröffnete und die französische Besatzung gefangen fortführte, ehe man in Forges noch genau wußte , um was es sich eigentlich handelte.
Das Dorf hatten die Franzosen mit aller Kunst befestig. Die Häuser stehen heute noch zum großen Teil, obwohl zerschossen und verbrannt genug. Die Keller waren fest verrammelt, und auf den Gassen standen mächtige Hindernisse aus Sandfässern, Hausrat und Steinen. Sie haben den Sturmlauf nicht aufhalten können. Es ging noch am selben Tage weit auf die Höhe hinauf, und kurz nach sechs Uhr abends war Punkt 265 im Besitz der Deutschen. Eine schneidige Feldbatterie galoppierte über die wacklige Brücke des angestauten Forgesbaches und unterstützte aus nächster Nähe den Angriff auf den Rabenwald im Westen.
Es schneite, und es war bitter kalt. Die Leute hatten sich eingebuddelt, lagen in der Nässe, nur mit ihrem Sturmgepäck versehen, erhielten während der Nacht nichts Warmes zu essen, erwarteten ungeduldig, froststarrend den Morgen. Der kam und brachte ein wildes Trommelfeuer von Freund und Feind. Diese verwünschten Ballonbeobachter dort über dem Bourruswald und bei Montzéville. Aber die deutschen Haubitzen und Mörser machten ganze Arbeit in dem Rabenwald da vorn, sie schossen rechtwinklig und konzentrisch in das vielverschlungene zerfurchte Gelände. Als die Bataillone mittags zwölf Uhr aus ihren Erdlöchern sprangen, fanden die Franzosen trotz ihrer rasch herangeholten Verstärkungen keine Zeit und Besinnung mehr zu dauerndem Widerstand. Sie wurden überrannt, abgetrennt, gefangen. Ihre Kanoniere wehrten sich besonders tapfer. Da stand im Cumièreswald verborgen ein langes Marinegeschütz fest eingebaut, das hielten sie bis zum letzten Mann. Drunten in Cumières retteten sie eine fahrende Batterie nach rückwärts, aber unterwegs gingen sie immer wieder in Stellung und schossen, soviel sie konnten.
Mit Ausnahme der Westecke des Rabenwaldes waren beide Gehölze am Abend besetzt, aber von einer „Stellung“ konnte noch keine Rede sein. Es dauerte bis zum 10. März, ehe alle „Nester“ geräumt waren. Bis dahin schoben sich französische und deutsche Postierungen, Wachen und Abteilungen durcheinander, und zumal bei Dunkelheit waren Verirrungen häufig. Der Feind warf nach und nach zwei neue Regimenter in den noch von ihm gehaltenen Waldzipfel hinein, darunter das Regiment 92, das der Elsässer Oberst Macker auf
Kraftwagen aus den Argonnen herangeführt hatte. Der Oberst fiel im Kampf und die meisten seiner Leute mit ihm. Die letzten Worte seines Tagebuches waren : „Wir haben nur noch Trümmer vom Regiment . . .“ Die Franzosen glaubten gegen eine gewaltige Übermacht zu kämpfen. Sie wollten es gar nicht glauben, so erzählten mir die Offiziere des thüringischen Reserveregiments, daß sie nur die längst gefechtstätigen Reserven der einen Division vor sich hatten. Sie wehrten sich in dem dichten Gestrüpp mit Handgranaten bis zuletzt, und hoben dann die Hände hoch. „Am liebsten,“ erzählte ein deutscher Soldat, „hätten wir sie totgeschlagen, aber dann brachten wir´s doch nicht übers Herz“. Die Franzosen machten verzweifelte Gegenstöße von Chattancourt und vom „Toten Mann“ her, bis zum 11. abends fünfmal in dichten Mengen. Ihre Verwundeten und Toten lagen reihenweise. Die deutsche Artillerie ließ den Sanitätern großmütig zwei Tage lang Zeit, das Feld abzusuchen, ohne sie zu behelligen. Schwieriger war diese Arbeit bei den Deutschen in den zerschossenen Gehölzen. Geknickte Baumkronen , Granattrichter und halbverschüttete Gräben erschwerten diese Arbeit; man nahm Sanitätshunde zu Hilfe, aber die Tiere versagten in dem ununterbrochenen Geschützfeuer. Hier konnte nur der beherzte Wille des Menschen die halb Verschütteten und Versteckten bergen.
Nun folgten lange Wochen, in denen das Errungene zäh verteidigt werden mußte. Die Front stand gegen Süden, gegen die Caurettesmulde mit dem Wäldchen und gegen Cumières. In Baugruben und betonierten Blockhäusern hatten die Franzosen sich hier eingenistet, sie schanzten unaufhörlich Nacht für Nacht, ganze Brigaden waren an der Arbeit, und das Gestein des Berges dröhnte. Tag und Nacht splitterten die Granaten im Walde. Der Frühling kam, aber die zerfetzten Bäume trieben keine Blätter. Die Maikäfer kamen, sie schlüpften zu unzählbaren Tausenden aus und führten erbitterte Kämpfe um das spärliche junge Laub. Dann schwirrten sie hungrig ab, in bessere Gefilde. Die Kämpfer in ihren Gräben aber hielten aus. Als am 20. Mai die deutschen Stellungen an dem Süd- und Westhang des „Toten Mannes“ vorgeschoben wurden, hatte auch die Stunde für Cumières geschlagen. Am 22. begann die Artillerie vorzubereiten; sie schoß auch den ganzen 23. Mai hindurch , und am 24. früh halb vier Uhr ging die erste Sturmwelle nord-südlich vom Gänserücken aus gegen das Dorf, während gleichzeitig Jäger an der Bahn entlang über die Wiesen vorbrachen und Teile von Osten her über die Maas setzten. Der Sturm ging glatt durch bis an den Südrand des Dorfes.
Aber wo war eigentlich das Dorf geblieben? Kein Hans, keine Mauer, kein Stein mehr auf dem anderen. Ich stand acht Tage später vor dieser Zerstörung, die so gründlich war, wie ich vorher kaum eine gesehen hatte. Was die deutschen Batterien etwa noch verschont hatten, das machten im Laufe der nächsten fünf Tage die französischen Granaten dem Boden gleich. In den Kellern, aus denen man kurz vorher die halbverschütteten Franzosen mit ihren Maschinengewehren herausgeholt hatte, lagen nun 300 Mann Deutsche unter dem Führer der Sturmabteilungen, dem Hauptmann Willke; diese kleine Heldenschar hielt unter der schwersten Beschießung und trotz heftiger Angriffe stand, fast ohne Verbindung nach rückwärts, abgeschlossen wie auf einer Insel, bis die ganze Caurettesstellung von der aus die Flanke der deutschen Truppen unter Feuer gehalten wurde, am 29. Mai ebenfalls in den Besitz der Deutschen überging. Es war ein Trommelfeuer, durch das man nur „mit aufgespanntem Regenschirm“ gehen konnte. Bei einem der französischen Rückstöße ereignete es sich übrigens, was früher schon einmal am „Toten Mann“ vorgekommen war: 40 gefangene Franzosen werden abgeführt. Die sechs Mann der Begleitung haben in der Hitze des Gefechts die Gefangenen nicht ganz genau nach Waffen durchsucht und werden plötzlich mit Handgranaten überfallen und niedergemacht. Die Franzosen sind dann weggelaufen; weit dürften sie aber nicht gekommen sein.
In der Caurettesmulde fühlte sich der Feind trotz seiner bombensicheren Unterstände immerhin doch so ungemütlich, daß sich noch vor dem Beginn des Sturmes eine ganz stattliche Anzahl Überläufer einfanden. Als dann die schweren Minen in die französischen Reihen schlugen, war die Widerstandskraft erschüttert. 3 Offiziere, 75 Mann gaben sich gefangen; sie erklärten, der Rest ihrer Kompanie sei vernichtet, und meinten, sie könnten diesen „Terrible des mines“ nicht aushalten. Am Abend des 29. Mai wurde binnen 15 Minuten die Mulde gestürmt und die Beule zwischen Cumières und „Toter Mann“ eingedrückt. Gern wäre die Sturmtruppe auch noch weiter vor bis nach Chattancourt gestoßen, das so verlockend nahe vor ihnen lag. Einen hübschen Zwischenfall aus dem Rabenwald erzählte man mir. Da lagen unsere armen Leute oben, hatten kein Wasser, aber großen Durst nach dem heißen Kampf, und alles erwartete die Dunkelheit. Aber da gehe mal einer im Dunkeln den rechten Weg zur Wasserstelle. Oder bis zu den Feldküchen zurück, die kilometerweit irgendwo hinten stehen. Für solche wichtigen Gänge konnte man nur die besten und findigsten Leute brauchen. Einer von ihnen marschierte mit Kochkesseln und Feldflaschen beladen ab, suchte lange, fand endlich unten an der Maas die Quelle und stapfte mit den gefüllten Behältern zufrieden wieder durch die Granatlöcher und über die Toten zurück. Dabei verirrte er sich und stand plötzlich vor sechs Franzosen, die hurtig auf ihn anschlugen. Was, abschießen wollen sie ihn! Wütend schwing er seine klappernden Kochgeschirre hoch und schrie „Hupp!“ Die Franzosen meinten schon die Handgranaten bersten zu hören, warfen die Gewehre weg und riefen: „Pardon.“ Freundlich lächelnd ging der Wackere auf sie zu, drückte den Verblüfften die Kochgeschirre und Feldflaschen in die Hand, nahm ihnen die Seitengewehre ab, belud sich mit den sechs Franzosenflinten und kommandierte : „Allons, marsch.“ Als Wasserträger war er fortgegangen, als Held kam er zu seiner Kompanie zurück.
Von Eugen Kalkschmidt, Kriegsberichterstatter.
Schlagworte: 1. Weltkrieg, 1916, Verdun